Die türkische Wissenschaft unterstützen

Gastbeitrag von Öczan Mutlu und Ernst Dieter Rossmann in der Frankfurter Rundschau

Ankara verfolgt nach dem Putschversuch viele Professoren zu Unrecht. Deutschland muss helfen

Erinnern wir uns: Die Dynamik im Ausbau und der Vernetzung von Wissenschaft und Forschung in Europa konnte sich seit dem Lissabon-Beschluss des Jahres 2000 als eine der konstitutiven Größen des modernen und innovativen, des weltoffenen und liberalen, des rationalen und demokratischen Europas entfalten. Auch über die Europäische Union (EU) hinaus. Jetzt ist Unruhe in die europäische Wissenschaft eingezogen. Zuerst durch Großbritannien, dann durch die Türkei. Bisher enger Nato- und politischer Partner Europas mit einer starken wissenschaftlichen Tradition und großen Kapazitäten und Ambitionen, nach dem gescheiterten Putsch durch Erdogans Maßnahmen von „Säuberungen“ bedroht und als quasi rechtlose Wissenschafts–Community vorgeführt.

1600 Dekane privater und staatlicher Universitäten wurden zum Rücktritt getrieben. Das Goethe-Institut konstatiert vielfältige Behinderungen für seine Teilnehmer. Alle Universitätsmitarbeiter – und das sind mit über 110 000 keine kleine Zahl – sollen auf mögliche Verbindungen zur Gülen-Bewegung überprüft werden. Universitätslehrkräften und Wissenschaftlern werden Dienstreisen ins Ausland verboten oder sie werden aus ihren Verpflich-tungen und Projekten in die Türkei zurückbeordert. So blieben beim Weltkongress der Mathematikdidaktik an der Universität Hamburg von 100 angemeldeten türkischen Wissenschaftlern 85 Plätze leer. Das Institut für Weltwirtschaft in Kiel muss sein für Oktober in Istanbul geplantes „Global Economic Symposium 2016“ auf unbestimmte Zeit verschieben.

Natürlich steht die rechtsstaatliche Aufarbeitung eines glücklicherweise gescheiterten Militärputsches mit entsprechenden Konsequenzen für die Rädelsführer und anderen Beteiligten außer Frage. Aber wo an deren Stelle die pauschale Verfolgung Andersdenkender tritt und ein solcher Putschversuch breit angelegte „Säuberungen“ rechtfertigen soll, auch im Bereich von Bildung, Wissenschaft und Forschung, erhebt sich mit Recht schärfster Protest. Angesichts der traditionell guten Wissenschaftsbeziehungen zwischen der Türkei und Deutschland warnen sowohl die Hochschulrektorenkonferenz wie die deutschen Wissenschaftsorganisationen „dass es um systematische Einschüchterung und um die Vernichtung des freien Geistes geht“, so HRK-Präsident Hippler.

Diese große Sorge steht im Raum: Wie geht die Türkei in der Zukunft um mit dem Recht auf Bildung, der Freiheit des Geistes und der Rationalität von Wissenschaft und Forschung und welchen Respekt zeigen Staat und Gesellschaft gegenüber freien Intellektuellen, seien es Journalisten, Pädagogen, Wissenschaftler oder Forscher? Burhan Sönmez, kurdisch-türkischer Schriftsteller und Menschenrechtsjurist, zwingt zum Nachdenken, wenn er von einer Begebenheit beim Begräbnis eines Putsch-Opfers berichtet. In Anwesenheit des türkischen Präsidenten flehte da der Vorbeter: „Oh, allmächtiger Gott, schütze uns vor dem Übel gebildeter Leute!“

Die Wertschätzung von Bildung genauso wie der Schutz akademischer Freiheiten sind Merkmale moderner Demokratien. Geschlossene politische Systeme bis hin zu Despotismus und Diktatur investieren natürlich auch in Wissenschaft und Forschung, weil sie ein technologisches, ökonomisches oder auch militärisches und machtpolitisches Interesse an deren Ergebnissen haben. Aber sie fürchten zugleich immer mit Recht die latente Subversivität von Wissenschaft und Forschung gegen eine restriktive oder gar repressive staatliche Ordnung, die in der Förderung des freien Geistes mit seinen Implikationen von Kritikfähigkeit, Kreativität, Offenheit und Innovation liegt. Deswegen unterdrücken sie die Freiheit der Wissenschaft, der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.

In dieser Situation müssen Deutschland und die EU einerseits die betroffenen einzelnen Wissenschaftler und Forscher unterstützen. Die Max-Planck-Gesellschaft will den 230 Gastforschern, wenn sie in ihren Heimatinstituten in der Türkei entlassen werden, die Fortsetzung ihrer Arbeit mit lokalen Stipendienprogrammen ermöglichen. Auch die Alexander von Humboldt-Stiftung setzt mit ihrer Hilfe für gefährdete ausländische Wissenschaftler ein bemerkenswertes Zeichen.

Über solche Einzelhilfe hinaus, ist es notwendig, die wissenschaftliche Kooperationen und Netzwerke vom Bund und Ländern, Hochschulen und Forschungsorganisationen mit der Türkei zu erhalten und zu pflegen und dabei die Freiheit der Wissenschaft immer ins Zentrum zu stellen. Abschottung und Isolation fügen der Türkei die größten Nachteile zu. Deutschland darf die partnerschaftlichen Verbindungen im langfristigen Interesse nicht abreißen lassen. Die Bundesregierung muss gleichzeitig auch entsprechende europäische Initiativen nachdrücklich vorantreiben.

Die lange gute Zusammenarbeit zwischen der Türkei und Deutschland im Bereich Hochschule und Wissenschaft muss fortgeführt werden. Wir dürfen nicht vergessen, dass es die Türkei war, die zahlreichen deutschen Wissenschaftlerinnen und Professoren als rettendes Exil galt, als in unserem Land die Freiheit des Geistes und der Wissenschaft durch die NS-Diktatur zunichte gemacht wurde. Dafür gebührt unser Dank. Diese deutschen Exil-Wissenschaftler, die vor dem Nazi-Regime flüchten mussten, fanden in der Türkei nicht nur Schutz, sie konnten ihre wissenschaftliche Arbeit in der neuen Heimat fortsetzen und trugen dazu bei, dass sich das Universitäts- und Wissenschaftssystem der Türkei entwickeln konnte.

Ernst Dieter Rossmann ist Sprecher für Bildung und Forschung der SPD-Bundestagsfraktion. Özcan Mutlu ist Sprecher für Bildung der Grünen-Bundestagsfraktion.

Copyright: Frankfurter Rundschau

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Veröffentlicht in Berlin, Rossmann überregional

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