Nur Weiterbildung kann die digitale Spaltung verhindern

Der Nationale IT-Gipfel, die digitale Bildungsstrategie der Bundesregierung und die Potenziale der Erwachsenenbildung

Beitrag von Ernst Dieter Rossmann in dis.kurs 4/2106

Der Nationale IT-Gipfel Mitte November 2016 in Saarbrücken war ein bedeutendes Ereignis. Endlich stand die digitale Bildung im Mittelpunkt. Politik, Wirtschaft und Gesellschaft setzten sich höchstrangig mit den Zukunftsperspektiven der digitalen Modernisierung auseinander. Die großen deutschen Leitmedien thematisierten Chancen wie Risiken.

Wenn die Frankfurter Allgemeine Zeitung Experten damit zitiert, „18 Millionen Deutsche stehen im digitalen Abseits“ und vor der digitalen Spaltung der Gesellschaft warnt, sehen sich die Volkshochschulen als Teil der Weiterbildungs-Allianz in Deutschland von der Analyse her nachdrücklich bestätigt und zugleich von den Handlungskonsequenzen her in besonderer Weise angesprochen und herausgefordert. Denn die Antwort auf eine drohende digitale Spaltung kann aus Sicht der Volkshochschulen nur der Ruf nach einer starken Weiterbildung und einer wirklich massiven und nachhaltigen Initiative für digitale Weiterbildung sein. „Nicht kleckern, sondern klotzen“, muss hier die Devise sein.

Weiterbildung als eine tragende Säule der digitalen Wissensgesellschaft

Die Weiterbildung kann der digitalen Spaltung entgegenwirken, weil sie als Erwachseneneinrichtung vom Prinzip her jene 18 Millionen Menschen erreichen kann, die von digitaler Exklusion betroffen sind: Jene, die keine Digital Natives sind, die also nicht selbstverständlich in den Gebrauch digitaler Technologien hineinwachsen. Jene, die aufgrund von Erwerbslosigkeit oder atypischer Beschäftigung nicht an beruflicher Weiterbildung partizipieren. Und nicht zuletzt jene, denen grundlegende Bildungsvoraussetzungen fehlen, um die zunehmende Digitalisierung aller Lebensbereiche zu bewältigen. Der DVV und die Landesverbände haben zum Nationalen IT-Gipfel ein eigenes Positionspapier vorgelegt; wir haben uns mit klaren Forderungen in die öffentliche Debatte eingebracht. Und wir haben uns nicht zuletzt auf dem IT-Gipfel so präsentiert, dass sich auch die Bundesregierung mit mehreren Bundesministerinnen und Bundesministern am Volkshochschulstand darüber informiert hat, was wir in eine digitale Bildungs-Offensive einbringen wollen und können. Inmitten des Gipfel-Geschehens hat der DVV dabei deutlich gemacht, wofür Volkshochschulen bundesweit einstehen, nämlich: „Digitale Teilhabe für alle!“

Das gemeinsame Positionspapier von DVV und allen Landesverbänden nimmt Bezug auf die bisher bekannt gewordenen Vorstellungen der Bundesregierung und des federführenden Ministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) und es formuliert eigene Eckpunkte. Natürlich begrüßen wir grundsätzlich die „Bildungsoffensive für die digitale Wissensgesellschaft“ des BMBF als eine ebenso dringliche wie vorausschauende Initiative, weil sie den digitalen Wandel in der Bildung vorantreiben und in allen Bildungsbereichen die damit verbundenen Chancen und Handlungsfelder aufzeigen will. Wir unterstützen insbesondere auch nachdrücklich die Auffassung, dass digitale Bildung eine grundlegende Voraussetzung dafür ist, dass Menschen den tiefgreifenden Wandel durch Digitalisierung in allen gesellschaftlichen Bereichen verstehen und aktiv gestalten können. Allerdings müssen wir feststellen, dass die Ausgestaltung des Programms bisher im Wesentlichen auf Schule, Ausbildung und Hochschule konzentriert ist. Das wird der Sache und der vor uns allen liegenden Aufgabe nicht gerecht.

Infrastruktur, Zielgruppenorientierung und Qualitätssicherung für digitale Weiterbildung

Der DVV und die Landesverbände der Volkshochschulen appellieren deshalb an die Bundesregierung, ihrem ganzheitlichen Anspruch auch wirklich gerecht zu werden und alle Förderprogramme der Bildungsoffensive so auszugestalten, dass die Weiterbildung für die Erfordernisse und Möglichkeiten der digitalen Wissensgesellschaft gestärkt wird. Das gilt für die allgemeine wie die berufliche Weiterbildung. Es gilt für die bildungsnäheren Schichten und weiterbildungsaktiven Gruppen ebenso wie für jene Bevölkerungskreise, in denen die drohende digitale Spaltung am ehesten Platz greifen kann, darunter Ältere, arbeitssuchende Menschen, Berufsrückkehrer oder Erwachsene mit erhöhtem Grundbildungsbedarf. Auch diese müssen in der Strategie des BMBF gezielt in den Blick genommen werden, um ihnen Chancen zur Teilhabe an der digitalen Wissensgesellschaft zu erschließen. Individuelle Förderprogramme wie Bildungsprämie und Bildungsscheck sind in eine effektive Förderung dieser Zielgruppen genauso einzubeziehen wie Beratung und Begleitung – von der angemessenen Ansprache, der passgenauen Didaktik und Methodik bis hin zum Aufbau digitaler Souveränität und Selbstlernkompetenz.

Dazu benötigt auch die Weiterbildung moderne Lehr- und Lernumgebungen für digitale Bildung, genauso wie die Schulen, die berufliche Erstausbildung und die Hochschulen. Deshalb muss der vom BMBF geplante digitale Infrastrukturpakt mit den Ländern die Weiterbildung unbedingt und substantiell einschließen. Der DVV fordert hierzu ein auf fünf Jahre angelegtes Förderprogramm im Umfang von einer Milliarde Euro, um bundesweit, sowohl in Städten als auch in ländlichen Regionen, Weiterbildungseinrichtungen zu digitalen Lernorten weiter zu entwickeln.

Dies schließt den Ausbau der technischen Ausstattung ebenso ein wie die Qualifizierung des Personals. Es bedarf eines breit angelegten Qualifizierungsprogramms für das pädagogische Personal und die Kursleitenden der Weiterbildungseinrichtungen, damit bis 2030 alle Lehrkräfte – wie in der Strategie des BMBF vorgesehen – über die erforderlichen digitalen Kompetenzen verfügen. Um diese Strategien effektiv und nachhaltig zu gestalten, sind auch Weiterbildungseinrichtungen an Aufbau und Betrieb der geplanten „Regionalen Kompetenzzentren Digitalisierung“ zu beteiligen. Über eine Weiterbildungs-Cloud sollten – wie dies auch für die anderen Bildungsbereiche vorgesehen ist – sowohl webbasierte Lernumgebungen und Werkzeuge als auch Lerninhalte bereitgestellt werden.

Volkshochschulen als Chance zur Teilhabe am digitalen Wandel

Es gehört zum Grundverständnis der Volkshochschulen, dass es für das Lernen nie zu spät ist und Kompetenzen, Qualifikationen und Bildung lebenslang entwickelt und gepflegt werden können. Weiterbildungsfähigkeit und Weiterbildungsmotivation sind ein hohes persönliches Gut. Das gilt auch für die Medienkompetenz und die kritische Medien-Bildung. Weil wir als Volkshochschulen für eine moderne, offene und allen Menschen zugängliche Weiterbildung in Deutschland stehen, haben wir uns schon früh mit den neuen digitalen Bildungsmöglichkeiten und -erfordernissen auseinandergesetzt. Unter dem Leitmotiv „Erweiterte Lernwelten“ reflektieren und gestalten immer mehr Volkshochschulen in allen Bundesländern den digitalen Wandel und engagieren sich bei der Ansprache und der Ertüchtigung ihrer Teilnehmer hin zu digitaler Identität und Souveränität. Diese Strategie der „Erweiterten Lernwelten“ umfasst die Entwicklung von teilnehmerzentrierten Bausteinen für analog-digitale Lernkombinationen und die Qualifizierung der Lernberater und Lehrkräfte ebenso wie die organisatorische Weiterentwicklung und die infrastrukturelle Ausstattung der Einrichtungen im Hinblick auf digitale Anforderungen.

Mit ihrem bundesweit flächendeckenden Netz an Weiterbildungseinrichtungen in öffentlicher Verantwortung bieten Volkshochschulen die besten Voraussetzungen dafür, dass Förderprogramme vor Ort Breitenwirkung und Nachhaltigkeit entfalten können. Die Volkshochschulen sind in der Lage und bereit, die Bildungsoffensive der Bundesregierung für die digitale Wissensgesellschaft zu unterstützen. Diese Potenziale sollten jetzt als Chance erkannt und strategisch in wechselseitiger Partnerschaft ergriffen werden.

Rossmann_Ernst-Dieter_2013

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Veröffentlicht in Berlin, Rossmann überregional

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