„Bildungsförderung ganz vorne“

Ernst Dieter Rossmann im Interview mit „Erziehung und Wissenschaft“, September-Ausgabe 2017:

E&W: Eine „nationale Bildungsallianz“ kündigt die SPD für die Zeit nach der Bundestagswahl an. Was ist das?

Ernst Dieter Rossmann: Ein Forum, in dem sich Akteure von Bund, Ländern und Kommunen, Wirtschaft und Gewerkschaften zusammenschließen. Ziel ist, der Bildungsgerechtigkeit und der Bildungsqualität über die gesamte Biografie eines Menschen einen höheren Stellenwert zu geben.

E&W: Die Ergebnisse des letzten großen Forums, des Dresdner Bildungsgipfels 2008, sind in nicht so guter Erinnerung. Jedes Jahr rechnet der Bildungsökonom Klaus Klemm vor, was alles nicht erreicht wurde.

Rossmann: Die Bildungsallianz ist geradezu ein Gegenentwurf zu einem eintägigen Gipfel. Statt hehrer Ziele wollen wir Aufgaben definieren; und vereinbaren, wer was anpackt. Das ist übrigens auch ein Weg, das Kooperationsverbot praktisch anzugehen. Wir schauen in allen Bereichen: Wer sollte was mit wem umsetzen?

E&W: Welche großen Baustellen sollen angegangen werden?

Rossmann: Wichtige Ziele sind: gute frühkindliche Bildung für alle, Ausbau der Ganztagsschulen, Ausbildungsgarantie, gestärkte Hochschulen, Ausbau der Weiterbildung. Ein zentrales Thema wird auch die zweite und dritte Chance sein – bei Schul- und Berufsabschlüssen, in Aus- wie Weiterbildung. Dazu passt, dass wir die Bundesagentur für Arbeit in eine Agentur für Arbeit und Weiterbildung und die Arbeitslosenversicherung in eine Arbeitsversicherung umwandeln wollen. Beide sollen stärker präventiv tätig werden. Ein echtes „Chancenkonto“ für jeden Beschäftigten ist unser Leitziel.

E&W: Außerdem wirbt die SPD mit einer Million mehr Ganztagsplätzen. Richtig wirksam, sagen Studien, sei die Ganztagsschule nur, wenn sie gebunden, also verpflichtend ist.

Rossmann: Wir sind weise genug, nicht in ideologische Schlachten zu gehen. Die Erfahrung zeigt, dass man mit Zwang nicht sehr weit kommt. Wir wollen gute Praxis so attraktiv machen, dass Eltern und Schüler von selbst motiviert sind. Beim Krippenausbau ist das hervorragend geglückt. Und: Die Ganztagsschule steht nicht in erster Linie dafür, Deutschland in Bildungsstudien nach oben zu rücken. Sie ist ein sozial integratives Modell, das Schüler, Eltern und Lehrer entlastet, Zeit für Kommunikation und Interessenentwicklung bietet und Schulleben ausgestaltet.

E&W: Und sie steht für eine Achillesferse sozialdemokratischer Bildungspolitik: für die zu selten glückende Entkopplung von Herkunft und Bildungserfolg.

Rossmann: Das ist nicht die Achillesferse der SPD, sondern des Bildungssystems. Die Beharrungskräfte ständischer Bildung in Deutschland zu überwinden, ist ein langer Weg. Da geht es um Systemfragen, um Einstellungen und Förderwege. Vieles wurde gerade auf Druck der SPD erreicht – auch in dieser Legislaturperiode: etwa die Lockerung des Kooperationsverbots, die Förderung von Schulen in finanzschwachen Kommunen, die Stärkung der Hochschulen, die Verbesserungen beim BAföG und vor allem beim Meister-BAföG. Da haben wir für mehr Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung gesorgt. Das ist uns ganz wichtig.

E&W: Dennoch sind an den Hochschulen Arbeiterkinder weiterhin klar in der Minderheit.

Rossmann: Das liegt aber auch daran, dass immer mehr Kinder in Akademikerfamilien aufwachsen – häufig mit Eltern, die eine klassische Aufstiegsbiografie haben. Ohne Disparitäten schönreden zu wollen: Die Bildungsstruktur der Bevölkerung hat sich bereits stark verändert, mit deutlich mehr höheren Schulabschlüssen und mehr Durchlässigkeit. Jetzt muss es um mehr Integration und Inklusion gehen. Gute Bildungschancen für alle, das ist das Ziel. Deswegen steht die Bildungsförderung in unserem Wahlprogramm ganz vorne. Kanzlerkandidat Martin Schulz will hier deutlich mehr investieren.

E&W: Wenn Schulz Kanzler werden sollte – wer wird Bildungsminister? Seit Edelgard Bulmahn gab es, trotz zwei Regierungsbeteiligungen, keine SPD-Ministerin.

Rossmann: Dafür hat die SPD die Familienpolitik stark gemacht und die frühkindliche Bildung und Förderung massiv ausgebaut. Alle Ressorts konnten wir nun einmal nicht besetzen. Allgemein ist mein Plädoyer: Die SPD muss sowohl im Bereich Familie wie in der Bildung Prioritäten durchsetzen und sich für Förderung in der gesamten biografischen Entwicklung des Lernens stark machen. Nur das eine oder das andere anzustreben, genügt nicht. Wir wollen beides: Bildungsgerechtigkeit von Anfang an – und dann ein Leben lang.

Interview: Jeannette Goddar, freie Journalistin

Quelle: Erziehung und Wissenschaft

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Veröffentlicht in Berlin, Pressebereich

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