Die europäische Dimension von Wissenschaft und Wissenschaftspolitik

Gastbeitrag von Ernst Dieter Rossmann für das Wissenschaftsforum der Sozialdemokratie, 2.11.2017:

Worauf wir gründen…
1088 wird in Bologna die erste Universität der aufsteigenden Moderne gegründet. Der Universalgelehrte Galileo Galilei als ein Begründer der neuzeitlichen exakten Naturwissenschaften muss sich in Rom 1633 der Inquisition unterziehen. „Und die Erde bewegt sich doch.“ Immanuel Kant (1724 bis 1804) legt an der Universität Königsberg als Philosoph der Aufklärung neue Grundlagen der Erkenntnis und der Ethik. Albert Einstein erhält 1922 den Nobelpreis für seine Theorien zur Struktur von Materie, Raum, Zeit und Gravitation. Im Juni 1953 unterzeichnen 12 europäische Staaten die Urkunde zur Gründung des CERN in Genf, das mit über 2500 Mitarbeitern und 12 000 Gastwissenschaftlern aus 70 Nationen das weltgrößte Forschungszentrum der Teilchenphysik ist. Und 34 Jahre später beschließt der Rat der Europäischen Union im Juni 1987 ein Förderprogramm für den Auslandsaufenthalt an Universitäten in Europa, das dem niederländischen Humanisten der Renaissance Erasmus von Rotterdam gewidmet ist. Es ist mittlerweile das weltweit größte Programm dieser Art.

Wo wir stehen…
Das Europa von heute vereinigt über 3000 Hochschulen, über 1,4 Millionen Hochschullehrer und mehr als 19 Millionen Studierende. Alle europäischen Staaten haben sich seit Juli 1999 dem Bologna-Prozess zur Errichtung eines gemeinsamen europäischen Hochschulraums angeschlossen. In der Lissabon-Strategie aus dem Jahr 2000 hat sich die Europäische Union verabredet, mit einem Aufkommen von 3% des Bruttosozialprodukts zum weltweit größten wissenschaftsgeleiteten Wirtschaftsraum der Welt zu werden. Der Europäische Forschungsrat soll die EU als Forschungsstandort für exzellente Wissenschaftler attraktiver machen. Mit einem Finanzvolumen von 70 Milliarden Euro für das Forschungsrahmenprogramm Horizont 2020 hat die Kommission eines der weltweit größten Forschungsprogramme aufgelegt.

Was die Widersprüche sind….
Wir müssen feststellen: In Europa herrscht eine dramatische Ungleichzeitigkeit, was die weitere Entwicklung von Wissenschaft und Forschung angeht. Das 3 % Ziel von Lissabon 2000 ist bei weitem nicht erreicht. Die Schere zwischen den forschungs- und wissenschaftsstarken bzw. schwachen Nationen geht in der EU zwischen Schweden mit 3,26% und Zypern mit 0,49 % immer weiter auseinander. Mit dem Brexit will sich eines des wissenschafts- und forschungsstärksten Länder aus der EU verabschieden. In der Agenda 2030 der Kommission ist in den „Zukunfts-Büchern“ von Juncker ein Gesamtkonzept zu Innovation, Forschung, Wissenschaft und Bildung nicht vorgesehen. Wissenschaft und Forschung tauchen in seiner Rede zur Lage der Union am 13 September 2017 nicht auf.
Dagegen fordert der französische Präsident Macron in seinen Plänen zur Neuordnung Europas u.a. die Schaffung einer europäischen Agentur für Innovationen, einen umfassenden Bildungsaustausch für 50 % aller jungen Europäer bis 25, einen Sorbonne-Prozess, in dessen Rahmen 20 europäische Universitäten mit europäischen Abschlüssen bis 2024 geschaffen werden sollen. Während sich die Wissenschaftspolitik in Ländern wie Ungarn und Polen der Anti-Moderne à la Trump und der Wissenschafts-Leugnung der fake-news-communities öffnet, entwickelt sich in anderen Ländern Europas eine Allianz von pulse of europe und march for science.

Wo wir hinwollen…
Der Kampf um die Wissenschafts- und Forschungsidentität in Europa ist offen. Ohne klare Ziele auf höchster politischer Ebene von Kommission und Ministerrat wird ein solcher Prozess keine Dynamik bekommen. Ohne einen demokratischen Diskurs dieser Ideen in den Mitgliedstaaten, in der scientific community und der Zivilgesellschaft wird dieser Prozess der Identitätsfindung keine Nachhaltigkeit haben. Deshalb vier Kernthesen:

  1. Das Europa der Zukunft braucht schon aus ökonomischem Interesse in der globalen Konkurrenz der Wirtschaftsräume wie zur Sicherung der inneren Kohäsion in Europa eine gemeinsame Bildungs-, Wissenschafts- und Forschungsstrategie.
  2. Europa muss die globalen Herausforderungen der Zukunft wie Klimawandel, Ressourcenschutz, Entwicklung und Migration, Urbanisierung und Mobilität und nicht zuletzt der Friedenssicherung mit gestalten. Die great challenges brauchen europäische Kapazitäten an Wissenschaft und Forschung.
  3. Die wirksamsten Kräfte gegen eine Renationalisierung von Europa bis hin zum Zerfall sind der Aufbau von europäischer Zusammenarbeit in der Bildung und Wissenschaft und das Erleben von Europa insbesondere bei der jungen Generation durch Vielfalt in der Einheit.
  4. Bei aller Unterschiedlichkeit in Europa und allen Brüchen ist über die Institutionen von Bildung, Wissenschaft und Forschung mit der Freiheit von Lehre und Forschung, dem inneren Konnex von wissenschaftlichen Wahrheiten und humanistischen Werten, der Verpflichtung zur institutionellen Demokratie und gesellschaftlichen Partizipation der Kern einer europäischen Bildungsidee gewachsen. Diese ist als Movens ins Zentrum der europäischen Zukunfts-Agenda mit aufzunehmen.

Was zu klären ist…
Zu diesen Kernthesen müssen die notwendigen Fragen treten. Denn gemeinsame Fragen verbinden in der Suche nach Antworten.

  • Wie lässt sich der Diskurs um die europäische Idee von Bildung, Wissenschaft und Forschung verbreitern und vertiefen?
  • Wie ist die Zusammenarbeit zwischen den europäischen Hochschulen zu verbessern? Europäischer Abschluss, Europa-Professuren, Europa-Hochschulen, Austausch im Hochschulmanagement?
  • Wie lässt sich der Bologna-Prozess qualitativ in der Verbindung von Lehre und Forschung vertiefen? Bessere Lehre und mehr Studienerfolg, Mobilität und Akkreditierung, soziale Dimension und Studienförderung?
  • Wie lässt sich das EU-Urheberrecht so prägen, dass das System der Schranken im Bildungs-, Wissenschafts- und Forschungssektor harmonisiert wird? Europäische Cloud für die offene Wissenschaft, europäische Datenbanken und Wissenschaftsverlage?
  • Wie lässt sich der europäische Hochschul-, Wissenschafts- und Forschungsraum so entwickeln, dass die Disparitäten zwischen den Mitgliedsstaaten und Regionen abnehmen? Innovationsfonds, Zukunfts-Bonds, Partnerschaften, Beratung?
  • Welche europäischen „Leuchtturm-Projekte“ und Leitinstitutionen lassen sich identifizieren und gemeinsam in ihrer strategischen Bedeutung für die europäische Integration und die Zusammenarbeit über das EU-Europa hinaus definieren? EU-Flaggschiffprojekte und „Aktionen“ für die grand challenges, EU-Strategie gegenüber nicht-europäischen Ländern und Staaten wie Russland, Türkei; Wissenschaft und Forschung als Teil einer umfassenden Afrika-Strategie?

Die Offenheit einer solchen Liste respektiert die Vielfalt der europäischen Partner mehr als einseitig vorgegebene Antworten. Und offene Fragen sind auch der beste Beweis dafür, dass die europäische Bildungsidee vom Zweifel, und nicht vom Dogmatismus geprägt worden ist, ganz im Sinne des Diktums des großen sozialdemokratischen Zweiflers, Freigeistes und Wissenschafts- und Forschungspolitikers Peter Glotz: „Die Bildung der Zukunft ist humanistisch, ökologisch und europäisch.“

Quelle: Wissenschaftsforum der Sozialdemokratie

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Veröffentlicht in Berlin, Rossmann überregional

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