Europa fördern!

Europa-Schulen können eine Graswurzel-Bewegung für das Europa von morgen sein

Gastbeitrag von Ernst Dieter Rossmann, Renate Maria Hendricks und Kai Vogel in der Frankfurter Rundschau, 19.04.2017

Europa-Kompetenz ist die Fortsetzung des Friedensprojektes, das die Generation vor uns begonnen hat und das wir nun in die Zukunft führen können und müssen. Europa lernen und leben – das ist das Rüstzeug, das die nächste Generation noch mehr brauchen wird als unsere.“ Diese Worte des Präsidenten der EU-Kommission Jean-Claude Juncker sind aktueller denn je. Bedauerlich nur, dass die zentrale Bedeutung von europäischer Kompetenz und europäischer Bildung aus Kenntnis, Einsicht und eigenem Erleben in den fünf Szenarien des Weißbuches der Europäischen Kommission zur EU der 27 im Jahr 2025 gar keinen Niederschlag findet.

Darin geht es um Binnenmarkt und Handel, um die Wirtschafts- und Währungsunion, um Migration und Sicherheit, um Außenpolitik und Verteidigung und den EU-Haushalt. Bildung genauso wie Wissenschaft und Forschung als zwei zentrale Dimensionen des Europas der Zukunft fehlen in den Szenarien genauso wie die Förderung der Europa-Kompetenz und der Europa-Identifikation als Fundament für ein gemeinsames Zukunftsprojekt.

Dabei hat Europa hier wahrlich Bedeutendes anzubieten, das jetzt ausgebaut werden muss. Das Erasmus-Programm von 1987 mit bald neun Millionen Teilnehmerinnen und Teilnehmer hat zur Festigung der Europäischen Union (EU) mehr beigetragen als so mancher spektakulär inszenierter EU-Gipfel. Auch dieses Programm wird dazu beigetragen haben, dass die junge Generation um die Vorzüge eines geeinten, offenen und friedlichen Europas weiß und ihre Einstellung zu Europa bei der Mehrheit optimistisch ist. Wer es mit Europa gut meint, kann nur nachdrücklich fordern, dass dieses großartige Programm Erasmus+ nach 2020 noch einmal aufgestockt wird, nachdem es bereits 2014 einen Zuwachs um 40 Prozent erfahren hat.

Wenn das Erasmus-Programm vor allen Dingen Studierende, Auszubildende und Lehrende im nachschulischen Bildungsalter anspricht, so darf nie vergessen werden, dass seine Erfolge auf einer breiten Zusammenarbeit im schulischen Bereich in Form von Schüleraustausch, Lehreraustausch und Schulpartnerschaften fußen. Und auf einer Bewegung der Schulen, die sich unter den Anspruch, ausdrücklich eine Europa-Schule zu sein, hiermit ein besonders Profil und Qualitätsmerkmal gegeben haben.

In Deutschland ist diese Entwicklung vorbereitet worden mit der ersten Empfehlung der Kultusministerkonferenz von 8. Juni 1978, in der erstmals Elemente und Leitlinien des europäischen Bildungsauftrages der Schule dargelegt wurden. Vor dem Hintergrund der europäischen und deutschen Wiedervereinigung, die den europäischen Optimismus mit Verve beförderte, wurden diese Empfehlungen dann 1990 neu gefasst und im Mai 2008 vertieft. Die europäische Bildungsidee und Europa als Gegenstand und Auftrag von schulischer Bildung waren in den Kultusministerien nachhaltig angekommen.

Die positive Europa-Stimmung der 1990er Jahre führte dann zu ersten Basis-Initiativen von Europa-Schulen in vielen Bundesländern, zur Gründung eines Bundesnetzwerkes der Europa-Schulen im Jahre 2004 und zur Ausarbeitung von Grundsätzen für die Ernennung zu einer Europa-Schule. Sie arbeiten nach einem an den Bildungsstandards der Länder orientiertem Europa-Curriculum, das Themen mit europäischer und interkultureller Dimension für alle Jahrgangsstufen aufweist.

Europa wird damit erfahrbar, fächerübergreifend und mit allen Sinnen. Die Europa-Schulen besitzen ein besonderes fremdsprachliches Profil, sie führen als Schule regelmäßig länderübergreifende Projekte durch und unterhalten aktive und dauerhafte Partnerschaften mit Schulen, Ausbildungsunternehmen und anderen Partnern im europäischen Ausland. Sie beteiligen sich an europabezogenen Wettbewerben und Jugendforen. Sie ermöglichen beruflich orientierte Praktika im europäischen Ausland. Das Lehrerpersonal wird in europarelevanten Bereichen fortgebildet.

Mehr als 540 Europa-Schulen gibt es in den Mitgliedsländern des Bundesnetzwerks, das ein freiwilliger Zusammenschluss von Personen, Schulen, Vertretungen der Kultusministerien und weiteren Unterstützern und Förderern ist. Bayern, Baden-Württemberg und das Saarland sind die einzigen Bundesländer, die in den Statistiken des Netzwerkes keine Europa-Schulen aufweisen. In Nordrhein-Westfalen sind es 204, in Niedersachsen 118, in Schleswig Holstein 36 und in den neuen Bundesländern gibt es in jedem Land 20 bis 30 solcher Schulen.

Wer es ernst meint in der Zukunftspolitik für Europa, muss die Initiative zur Gründung vieler weiterer Europa-Schulen ergreifen, in Deutschland und in allen anderen Ländern der EU. Was könnte eine bessere Antwort auf die Schreckenstöne von Brexit, Nationalismus und Europa-Feindlichkeit sein, als eine breite pädagogische Bewegung von Schülern, Eltern und Lehrern zu neuen Europa-Schulen.

Hier wird Kindern und Jugendlichen das Leben und Lernen von Europa ermöglicht, für das die Erwachsenen allen Alters, aber eben vor allen Dinge junge Menschen, mit der Bürgerbewegung des „Pulse of Europe“ jetzt zunehmend auf die Straße gehen. Diese Bewegung will sich ihr Europa nicht nehmen lassen. Denn mit dem „Gras-Wurzel-Europa“ der Europa-Schulen können nachhaltig die Kompetenz und das Bewusstsein geschaffen werden, die das Europa der Zukunft braucht. Dies muss getragen sein von Gemeinschaftssinn und Verantwortungsgefühl seiner Bürgerinnen und Bürger, oder es wird nicht sein.

Ernst Dieter Rossmann ist Sprecher der Arbeitsgruppe Bildung und Forschung der SPD-Bundestagsfraktion.

Renate Maria Hendricks ist schulpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Landtag NRW.

Kai Vogel ist schulpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Landtag Schleswig-Holstein.

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Veröffentlicht in Berlin, Pressebereich

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