Europaschulen als Graswurzelbewegung für das Europa von morgen

Gastbeitrag auf huffingtonpost.de

graduation-2038864_1920Am 22. Mai ist wieder Europatag an den Schulen in Deutschland. Abgeordnete aus den Parlamenten in Europa, dem Bund und den Ländern werden genauso wie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Europäischen Kommission und der Verwaltungen von Bund und Ländern in die Schulen in Deutschland ausschwärmen, um das Interesse und Verständnis der Schülerinnen und Schüler an und für Europa zu wecken und zu stärken.

Es ist der elfte bundesweite jährliche EU-Projekttag, auf den sich die Bundesländer verständigt haben. Dieser Europatag an den Schulen soll zu dem beitragen, was der Präsident der EU-Kommission Jean Claude Junker kürzlich mit Blick auf den 60ten Jahrestag nach der Gründung der Europäischen Union durch die Römischen Verträge für die Zukunft Europas als zentrale Bedingung herausgestellt hat.

„Europakompetenz ist die Fortsetzung des Friedensprojektes, das die Generationen vor uns begonnen haben und das wir nun in die Zukunft führen können und müssen. Europa lernen und leben – das ist das Rüstzeug, das die nächste Generation noch mehr brauchen wird als unsere.“

Da kann man dem Kommissionspräsidenten nur Recht geben, wenn wir uns durch rückwärtsgewandten Nationalismus und Rechtsextremismus in einigen europäischen Ländern nicht in Resignation und Apathie drängen lassen wollen, sondern selbstbewusst dagegen setzen: Jetzt erst recht. Europa hat eine Zukunft verdient. Mit Gefühlen, mit Werten und mit Kompetenzen!

Das Leitprogramm auf europäischer Ebene für diese Kompetenzförderung ist seit über 30 Jahren das „Erasmus+“ – Programm, das mit bald 9 Millionen Teilnehmern insgesamt sicherlich mehr zur Festigung der Europäischen Union und zum Aufbau von Europa beigetragen hat als so manche Ministerratskonferenz und so mancher spektakulär inszenierte EU-Gipfel.

Wenn das „Erasmus+“ -Programm vor allen Dingen Studierende, Auszubildende und Lehrende im nachschulischen Lebensabschnitt anspricht, so darf nie vergessen werden, dass seine Erfolge auf einer breiten personellen wie institutionellen Zusammenarbeit im schulischen Bereich in Form von Schüleraustausch, Lehreraustausch und Schulpartnerschaften fußen. Und auf einer Bewegung an Schulen, die sich mit dem Anspruch, ausdrücklich eine Europaschule zu sein, hiermit ein besonders Profil und Qualitätsmerkmal gegeben haben.

In Deutschland ist diese Entwicklung vorbereitet worden mit der ersten Empfehlung der Kultusministerkonferenz vom 8. Juni 1978 über „Europa im Unterricht“, in der erstmals Elemente und Leitlinien des europäischen Bildungsauftrages der Schule dargelegt wurden.

Vor dem Hintergrund der europäischen und deutschen Wiedervereinigung, die den europäischen Optimismus mit Verve beförderte, wurden diese Empfehlungen 1990 neu gefasst und im Mai 2008 noch einmal vertieft unter dem Titel „Europabildung in der Schule“. Die europäische Bildungsidee und Europa als Gegenstand und Auftrag von schulischer Bildung waren in den Kultusministerien nachhaltig angekommen.

Die positive Europastimmung der 1990er Jahre führte dann zu ersten Basisinitiativen von sogenannten Europaschulen in vielen Bundesländern, zur Gründung eines Bundesnetzwerkes im Jahre 2004 und zur Ausarbeitung von Grundsätzen für die Ernennung zu einer Europaschule, die einen sehr anspruchsvollen Kriterienkatalog voraussetzt.

Europaschulen arbeiten nach einem an den Bildungsstandards der Länder orientierten Europacurriculum, das Themen mit europäischer und interkultureller Dimension für alle Jahrgangsstufen aufweist. Die Europaschulen besitzen ein besonderes fremdsprachliches Profil.

Sie führen als Schule regelmäßig länderübergreifende Projekte durch und unterhalten aktive und dauerhafte Partnerschaft mit Schulen, Ausbildungsunternehmen und anderen Partnern im europäischen Ausland. Sie beteiligen sich an europabezogenen Wettbewerben und Jugendforen.

Sie ermöglichen beruflich orientierte Praktika im europäischen Ausland. Das Lehrerpersonal wird in europarelevanten Bereichen fortgebildet und die Qualitätssicherung erfolgt an den Europaschulen durch eine regelmäßige Evaluation.

541 Europaschulen gibt es nach den Kriterien dieses Konzeptes aktuell in den Mitgliedsländern des Bundesnetzwerkes Europaschulen, das ein freiwilliger Zusammenschluss von Personen, Schulen, Vertretungen der Kultusministerien und weiteren Unterstützern und Förderern ist.

Keine Europaschulen in Bayern Baden-Württemberg und Sarland

Bayern, Baden-Württemberg und das Saarland sind die einzigen Bundesländer, die in den Statistiken des Netzwerkes keine Europaschulen aufweisen. In Nordrhein-Westfalen sind es immerhin 186, in Niedersachen 118 , Schleswig-Holstein 43 und auch in den neuen Bundesländern gibt es in jedem Land 20 bis 30 solcher Schulen.

Was aktuell zu wünschen, ja zu fordern ist? Wer es ernst meint mit der Zukunftspolitik für Europa, muss jetzt die Initiative zur Gründung vieler weiterer Europaschulen ergreifen, in Deutschland und in allen anderen Ländern der Europäischen Union.

Was könnte eine bessere Antwort auf die Schreckenstöne von Brexit, Rechtsextremismus und Europafeindlichkeit sein als eine breite pädagogische Bewegung von Schülern, Eltern und Lehrern hin zu neuen Europaschulen?

Hier wird Kindern und Jugendlichen das Leben und Lernen von Europa ermöglicht, für das die Erwachsenen allen Alters, aber eben vor allen Dingen junge Menschen, mit der Bürgerbewegung des „Pulse of Europe“ jetzt zunehmend auf die Straße gehen. Diese Bewegung will sich ihr Europa nicht nehmen lassen. Und in dem „Graswurzel-Europa“ der Europaschulen werden nachhaltig die Kompetenz und das Bewusstsein geschaffen, die das Europa der Zukunft braucht.

Die vielen Veranstaltungen an den Schulen im Rahmen des Projekttages am 22. Mai sollten deshalb auch dazu genutzt werden, über die Verstetigung der Europadiskussion der jeweiligen Schule nachzudenken. Der eine Tag mag ein besonderes Ereignis sein, interessante Gäste in die Schule hineinzubringen und gerade jetzt im Zeichen von vielen offenen Zukunftsfragen in Europa zu spannenden Diskussionen zu führen.

Nur Europa ist komplexer, widersprüchlicher, zukunftsträchtiger, als dass es sich an einem Tag alleine aneignen und zu einer Identität führen ließe. Die Entstehung von Kompetenz braucht Zeit. Das Engagement für Europa muss wachsen können.

Europaschulen schaffen hierfür den Rahmen. Wenn der Europa-Projekttag am 22. Mai dazu beiträgt, dass sich auch weitere Schulen in der Gemeinsamkeit von Schülern, Lehrkräften, Eltern und dem zivilen und ökonomischen Umfeld auf den Weg machen, dann hat sich dieser Tag erst recht gelohnt.

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Veröffentlicht in Berlin, Mein Thema: Bildung und Forschung, Rossmann überregional

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