Gastbeitrag: Für eine vertiefte Bildungsunion

Gastbeitrag von Ernst Dieter Rossmann, MdB in der Frankfurter Rundschau (Quelle: fr.de)

Deutschland sollte den französischen Präsidenten Macron unterstützen. Er will die Kooperation von Schulen und Unis verbessern.

Knappe fünf Monate war der französische Staatspräsident Emmanuel Macron im Amt, als er Ende September an der Sorbonne-Universität in Paris eine Rede zu einer „Initiative für Europa“ gehalten hat, wie sie von Kanzlerin Angela Merkel in zwölf Jahren ihrer Kanzlerschaft in Stil und Ausdruckskraft, in Tiefe und visionärer Energie nicht einmal in Ansätzen zu vernehmen war. In dieser Rede hat Macron auch einige zentrale Ideen zu einer europäischen Bildungspolitik entwickelt.

Macrons erster großer Vorschlag: Jeder junge Mensch in Europa sollte bis 2024 mindestens zwei europäische Sprachen sprechen und die Hälfte einer Altersgruppe sollte bis zu ihrem 25. Lebensjahr mindestens sechs Monate in einem anderen europäischen Land verbracht haben, seien es Studierende oder Auszubildende. Macron überführt damit zum 30. Jubiläum des Erasmus-Programms dessen Grundgedanken in ein ambitioniertes Ziel und setzt zugleich eine Messlatte für die Verhandlungen über den nächsten 7-Jahres-Finanzplan der Europäischen Union. Mit einem stagnierendem EU-Haushalt wird sich dieses Ziel nicht verwirklichen lassen.

Außerdem fordert Macron am Beispiel des Bologna-Prozesses für die Hochschulen einen Sorbonne-Prozess für die Schulen auf Ebene der Sekundarstufe mit einer Anerkennung von Abschlüssen. Hierauf will er aufsetzen lassen die Einrichtung eines Netzwerks von europäischen Universitäten mit europäischen Abschlüssen. Ein Anfang soll hier gemacht werden mit der Errichtung von mindestens zwanzig solcher Unis bis zum Jahre 2024.

Macron bleibt auch den geistigen Überbau für diese bildungspolitischen Initiativen nicht schuldig. Er sieht „Solidarität und Kultur“ als „Bindemittel“ für die Fundamente, auf die jene bauen müssen, die vorangehen wollen zu Souveränität, Einheit und Demokratie in Europa.

Die jungen Menschen in Europa müssen erlernen und erleben können, mit der Vielfalt und Einheit in Europa offen und selbstbewusst, eben souverän, umzugehen. Sie müssen wachsen in der inneren Haltung und Fähigkeit zur konstruktiven Aneignung von Europa und seiner Geschichte, Kultur und seiner „Idee des partnerschaftlichen Zusammenlebens“.

Mag das Echo auf Macrons Ideen in Deutschland „schwach bis tonlos“ (Jürgen Habermas) geblieben sein, haben sie auf europäischer Ebene umso mehr Resonanz gefunden und Aktivität ausgelöst. Bildung und Kultur waren in den fünf Weißbüchern der Europäischen Kommission für den Zukunftsplan Europa 2025 zwar noch weitgehend ausgespart. Umso umfassender waren dann die Vorschläge, mit denen die Kommission im Rahmen des Sozialgipfels in Göteborg im November aufgewartet hat.

Unter dem Leitmotiv der Stärkung von europäischer Identität durch Bildung und Kultur wurde eine Sammlung konkreter Vorschläge für einen europäischen Bildungsraum 2025 vorgestellt, u.a. die verstärkte Zusammenarbeit im Schulbereich (Lehrpläne, Lehrkräfteausbildung, digitale Bildung, Anerkennung von schulischen Abschlüssen), das Sprachenlernen, die Stärkung der beruflichen Qualifizierung und das Lebenslange Lernen, die Einrichtung eines Netzes von europäischen Unis und die Festlegung eines Basisniveaus für Investitionen in die Bildung von mindestens fünf Prozent des Bruttoinlandprodukts.

Vergegenwärtigt man sich, dass die europäischen Verträge in den Politikbereichen Bildung und Kultur lediglich eine unterstützende Rolle vorsehen unter Ausschluss jeglicher Harmonisierung, ist dies eine sehr ambitionierte Agenda. Gerade im föderativen Deutschland dürfte darüber noch gestritten werden. Immerhin hat der Bundesrat bereits nicht nur massive Vorbehalte gegen Standardsetzungen, Benchmarking-Prozesse und Harmonisierungen erhoben. Er macht auch Front gegen das angeblich utilitaristische Bildungsverständnis zur Schaffung von „Humankapital“ oder zur Stärkung der europäischen Identität, das mit dem persönlichen Eigenwert von Bildung nicht im Einklang stünde.

Zu dieser drohenden Entpolitisierung eines zukunftsorientierten Bildungsverständnisses und zu dieser Selbstkastration von Bildung als Grundlage von Souveränität und Identität sollte es nur eine klärende Debatte in den EU-Staaten geben. So hat die Kommission für den 25. Januar zu einem Bildungsgipfel als Auftakt für eine breite Debatte um einen Europäischen Bildungsraum eingeladen, den sie in Zukunft alle zwei Jahre durchführen möchte. Wir stehen damit auch in Deutschland in der Pflicht, solche Impulse nicht zu verdrängen, abzuwehren oder kleinzureden, sondern sie mutig und konstruktiv zu unserer eigenen Sache zu machen.

Getagged mit: , , , ,
Veröffentlicht in Berlin, Mein Thema: Bildung und Forschung, Rossmann überregional

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*