Burlington – Bernie Sanders und die amerikanische „Revolution“ für eine gerechte Gesellschaft

Eine Rezension von Ernst Dieter Rossmann für die spw – Heft 231, 2/2019, S. 86-87

Es war schon ein besonderer Rat, den Peer Steinbrück, mit 25,7 Prozent für die SPD noch der relativ erfolgreichste Kanzlerkandidat der letzten zehn Jahre, seiner Partei im Oktober 2018 gab, nämlich dass „die SPD eine Person wie Bernie Sanders braucht, nur 30 Jahre jünger“, mit der die Sozialdemokratie mutig sein, provozieren und zuspitzen könnte. Wir wissen nicht, ob Peer Steinbrück zu dieser Einschätzung auch durch die Lektüre des Buches von Bernie Sanders „Unsere Revolution – wir brauchen eine gerechte Gesellschaft “ gekommen ist. Das Buch dürfte ihn jedenfalls in dieser Einschätzung bestätigen.

Bernie Sanders hat ein ausgesprochen gut lesbares Buch geschrieben, gezielt aufgeteilt in eine biographische Refl ektion über seinen Weg bis zur Präsidentschaft skampagne 2016 und in einen sehr viel längeren Teil mit seiner Agenda für ein neues Amerika in zehn Kapiteln. Das fällt sogleich positiv auf: Sanders hadert nicht ob seiner Vorwahl-Niederlage gegen Hillary Clinton, obwohl er viele Gründe dafür anführen könnte. Er verbreitet Zuversicht, Gemeinsamkeit und Solidarität im Kampf für eine progressive Alternative. Sanders bleibt sich auch in diesem Buch treu: Inhalt kommt vor Ich-Betrachtung.

Dabei hat sein „politisches Leben einen anderen Verlauf genommen […] als das aller anderer Mitglieder des Kongresses“, wie er selbstbewusst feststellen darf, auch wenn er diesem länger als jeder andere angehört hat. Bernie Sanders ist ein Homo Politicus seit Studentenzeiten, ein Graswurzelpolitiker mit einer tiefen Verankerung in seiner Heimat und immer dicht dran an allen sozialen Protestbewegungen in den USA und gleichzeitig ein zunehmend wirkungsmächtig gewordener Kongressabgeordneter und Senator auf dem Capitol in Washington. Bernie Sanders ist eine Persönlichkeit, ein „Typ“, wie sie viel zu selten sind in einer Welt von glatt gebügelten Karrierepolitikern. Und er war Bürgermeister von Burlington.

Burlington ist eine Stadt von 40.000 Einwohnern in dem kleinen Bundesstaat Vermont, in dem Sanders seine Idee vom Sozialismus in einer Stadt tiefgreifend umsetzen konnte, sozial gerecht, technologisch innovativ, ökologisch nachhaltig, hoch anerkannt, mit besten Verbindungen in die Arbeiterschaft hinein und mit stetig wachsender Wählerzustimmung zu seiner Arbeit. Auch deshalb sind die 80 Seiten so spannend zu lesen, auf denen Sanders seinen Weg vom unabhängigen linken Freigeist aus der Provinz hin zu 13 Millionen Stimmen für ihn in den Vorwahlen zur Präsidentschaft skandidatur beschreibt.

Bernie Sanders hat sich sein „Burlington“ in den höheren politischen Ämtern bewahrt, basisverbunden, fern jedem Establishment, durch das große Geld nicht zu blenden und einzuspannen, unerschrocken gegenüber den Medien, konfliktbereit gegenüber den wirtschaftlich Mächtigen, solidarisch in den konkreten sozialen Kämpfen, klar in der Sprache, immer erkennbar darin, für wen er Politik macht, nämlich für „die Menschen, die hart arbeiten und für die Mitte“. Mag dieses Mantra in Sprache und Orientierung manche Anhänger aus dem progressiven Spektrum in Deutschland und in Europa im ersten Moment befremden, erschließt sich der sozialdemokratische Gehalt dieser Aussage sehr schnell bei der Lektüre des umfangreichen zweiten Teil zur Analyse von Kapitalismus, Gesellschaft und Machtstrukturen in den USA.

Sanders beginnt seine Agenda in zehn Teilen mit einem Kapitel zur Überwindung der Oligarchie des Geldes in seinem Land und er greift in seinem letzten Kapitel die Medienkonzerne als Bedrohung der Demokratie frontal an. Mit Fakten, mit Zahlen, mit Namen. Diplomatie, Schönrederei und taktische Rücksichtnahme sind seine Sache nicht. Für Bernie Sanders ist sein Zukunftsbild von einem besseren Amerika auch immer mit Umverteilung vom großen Geld der ganz wenigen zu mehr Gerechtigkeit, Teilhabe und Sicherheit für die ganz vielen verbunden. „Er will der manipulierten Wirtschaft ein Ende machen“, wie er sein längstes Einzelkapitel von über 170 Seiten überschreibt, in dem die klassischen Werte der Arbeit und der Familie und einer Wirtschaft, die den eigenen Menschen nützlich ist, daraufhin durchbuchstabiert, was zu ihrem Erhalt politisch und ökonomisch grundsätzlich geändert werden muss. Da ist viel klassische europäische Sozialdemokratie drin und jedenfalls kein Hauch von Schröder-Blair-Modernismus. In seiner neuen Handelspolitik kritisiert er scharf den Unterbietungswettbewerb der Großkonzerne und den Sirenengesang der Globalisierungspropagandisten und wirbt für anständig bezahlte Arbeitsplätze in den USA. Auch das mag Sanders, neben der Glaubwürdigkeit in seiner Lebensbiographie, den besonderen Respekt der Industriearbeiter im „Rust Belt“, der traditionsreichen Industrieregion in den USA, eingetragen haben.

Bernie Sanders „Revolution“ ist eine amerikanische Revolution. Sie nimmt besondere Probleme der Gesellschaftspolitik auf, die die USA mehr prägen als wir es in „old europe“ kennen. Deshalb sind den hohen Verschuldungsnöten bei einem Studium genauso eigene Kapitel gewidmet wie der Gesundheitsversicherung für alle, dem zivilen Umgang mit den 2,2 Millionen Menschen im Strafvollzug oder der Verantwortung für die vielen hunderttausend Kriegsveteranen. Es spricht für den Sozialisten in Bernie Sanders, dass er sich in seinem Patriotismus dem Schicksal dieser vom Krieg geschlagenen Menschen erfolgreich angenommen hat.

Bernie Sanders gelingt es mit seinem Buch, uns die USA in ihrer Gefährdung, aber auch in dem großen demokratischen Optimismus ihrer progressiven Aktivisten näher zu bringen. Ihn beseelt, was ein mächtiger kapitalistischmedialer Komplex den Menschen nicht nur in den USA immer unverfrorener austreiben möchte – nämlich die Gewissheit, dass es eine Alternative gibt und dass die Zukunft in den Händen der Menschen selbst liegt. Mit seiner Präsidentschaftskampagne hat Sanders hierfür eine breite Bresche geschlagen. Und er hat die Demokratische Partei so nachhaltig verändert, dass Bernie Sandes jetzt nur noch ein Linker unter vielen Linken ist. Um die Lebenskraft und die politische Leistung dieses jetzt 77jährigen amerikanischen Sozialisten und Patrioten besser zu verstehen, ist das Buch uneingeschränkt zu empfehlen. Es ist zugleich auch eine Ermutigung für alle linken Demokraten, in ihrem Engagement für eine neue progressive Allianz zwischen Europa und den Vereinigten Staaten nicht nachzulassen.

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Veröffentlicht in Berlin, Rossmann überregional

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