Die Jugend braucht ein Europa der Bildung

Ursula von der Leyen steht im Wort: Sie will in der EU etwas für die Generation ihrer Kinder tun. Was könnte das sein? Ideen gibt es genug, findet Ernst Dieter Rossmann im Gastbeitrag für die FR.

Diese Rede verpflichtet. Die neue Präsidentin der EU-Kommission, Ursula von der Leyen, hat zum Schluss ihrer Bewerbung vor dem Europäischen Parlament an die Erwartungen der Jugend erinnert und ihre Kinder sprechen lassen: „Spielt nicht auf Zeit, sondern macht was draus.“ Nach ihrer Wahl steht sie jetzt im Wort, der Förderung von Bildung, Wissenschaft und Forschung einen besonderen Stellenwert in der Arbeit ihrer Kommission in den nächsten fünf Jahren zu geben.

Gerade für die gemeinsame europäische Bildung brauchen wir jetzt deutlich mehr Drive, mehr Mittel und mehr Ideen. Die Enttäuschung sitzt noch tief, dass von der Leyens Vorgänger Jean-Claude Juncker und seine Kommission gerade zu den Potenzialen von Bildung sehr blass geblieben sind. Das sollte Frau von der Leyen nicht passieren.

Es ist gewiss anzuerkennen, dass sie in ihrer Rede vor dem Europäischen Parlament ausdrücklich die Jugendarbeitslosigkeit von durchschnittlich über 14 Prozent in den Ländern der EU angesprochen hat. Aber der rhetorische Rückgriff auf die bestehende Jugendgarantie wird nicht ausreichen, solange dieses Instrument keine echte europäische Ausbildungsgarantie ist.

Alle jungen Menschen müssen die Chance auf einen Ausbildungsplatz haben, möglichst dual mit den Lernorten Schule und Betrieb und im Notfall als Rechtsanspruch auf eine schulische Ausbildung. Das brauchen wir auch in Deutschland. Und das Europa des digitalen und demografischen Wandels, das Frau von der Leyen beschworen hat, braucht diese Ausbildungsgarantie erst recht.

In einem weiteren Punkt ist sie dafür schon konkreter geworden. Sie will das europäische Parlament darin unterstützen, die Mittel für das Erasmus-Programm zum Austausch von jungen Menschen in Europa im nächsten Siebenjahres-Finanzplan zu verdreifachen. Diese Forderung steht mit Recht schon lange im Raum. Ihre Verwirklichung wäre wirklich ein großer Schritt nach vorn.

In Europa sind es aktuell fast 800.000 junge Menschen, allein in Deutschland an die 100 000, die über das Erasmus-plus-Programm Erfahrungen sammeln können, die sie persönlich bereichern und die für die Zukunft Europas unverzichtbar sind. Im Übrigen: 25 Prozent aller Teilnehmenden finden bei einem solchen Auslandsaufenthalt ihren Lebenspartner. Das ist gelebtes Europa.

Das glanzvolle Erasmus-Programm hat allerdings bislang noch eine große Unwucht. Gegenwärtig ist der Anteil von Studenten an diesen Austauschprogrammen fünfmal so hoch wie der Anteil von Auszubildenden mit bescheidenen 5,5 Prozent. Der Austausch der Jugend in Europa muss für alle gelten. Da brauchen wir Gleichwertigkeit. Und das schnell.

Aus dem europäischen Austausch in der akademischen und beruflichen Bildungsphase folgt später auch die Chance auf europaweite Mobilität in der Berufspraxis. Bereits vor über zehn Jahren ist von Parlament und Rat der Europäische Qualifikationsrahmen beschlossen worden, der als „Übersetzungshilfe“ die Qualifikationen aus allen beteiligten Ländern transparent und vergleichbar machen soll. Damit dieser Anspruch für das Europa von 2025 Wirklichkeit werden kann, braucht es jetzt aber einen kräftigen Anschub und eine nachhaltige Basisbewegung.

Dafür müssen sich die entscheidenden Bildungsinstitutionen grundsätzlich stärker auf Europa orientieren. In Deutschland gibt erst 640 Europa-Schulen mit einem solchen Profil. Anderswo sind es leider noch viel weniger.

Das Leitbild Europa muss an den Schulen ausgebaut werden. Mit mindestens zwei europäischen Fremdsprachen als Ziel für jeden, mit gemeinsamen Lehrplänen und mit europäischen Lern-Clouds. Und was jetzt noch utopisch erscheinen mag, ist für die Zukunft deshalb erst recht vorzubereiten: die Einführung eines europäisch anerkannten Lehrers, der in allen Ländern der Europäischen Union zugelassen ist und an den Schulen arbeiten kann.

Dass Utopien wirksam sein können, hat der französische Präsident Emmanuel Macron im September 2017 mit seiner berühmten Sorbonne-Rede gezeigt, in der er den Aufbau eines Netzwerkes von europäischen Universitäten mit europäischen Abschlüssen und die Einrichtung von mindestens 20 Europa-Universitäten bis 2024 gefordert hat. Für das Bildungseuropa der Zukunft, das heute über 3000 Hochschulen, über 1,4 Millionen Hochschullehrer und mehr als 19 Millionen Studierende vereinigt, war damit ein wichtiger Impuls gesetzt.

Die kürzlich erfolgte Festlegung auf die Förderung von 17 Europäischen Hochschulallianzen kann hier bestenfalls ein Anfang sein. Die neue Kommissionspräsidentin sollte es sich auch hier zur Aufgabe machen, zu „liefern, voran(zu)kommen“, wie sie es der Jugend Europas und nicht nur ihren Kindern versprochen hat.

Copyright: Frankfurter Rundschau

Veröffentlicht in Berlin, Rossmann überregional

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