Eine unbemerkte Avantgarde

Ein Gastbeitrag von Ernst Dieter Rossmann und Rene Röspel in der Frankfurter Rundschau, 25.10.2019

Studierende und Professoren an Fern-Hochschulen leisten Besonderes. Davon können andere viel lernen – nicht nur Universitäten.

Diese Menschen leisten unbemerkt von der Öffentlichkeit Großartiges. Sie stehen im Beruf, haben Familie, zahlen Steuern und studieren in ihrer „Freizeit“. Nicht immer ist das Interesse dabei auf einen Abschluss gerichtet. Häufig geht es um Weiterbildung und Qualifizierung: Ein Ingenieur erweitert als Geschäftsführer eines Mittelständlers seine Kenntnisse in Betriebswirtschaft, eine Personalchefin studiert erstmals Arbeits-Psychologie, eine Maschinenbauerin absolviert Module des Informatikstudiums.

Sie handeln im eigenen Interesse und tragen gleichzeitig zur Zukunft in Gesellschaft und Wirtschaft bei. Wer das schafft, vollzieht eine achtbare Leistung und verdient Respekt. Man kann sie getrost als eine unbemerkte Avantgarde bezeichnen.

Nicht jede gesellschaftspolitische Idee und nicht jede innovative Institution werden gleich in ihren zukunftsorientierten Potenzialen erkannt. So laufen auch die Fern-Hochschulen unter der Wahrnehmungsschwelle hindurch und werden erst langsam von einer breiteren Öffentlichkeit und der Politik wahrgenommen.

Wer denkt schon an die Fern-Hochschulen, wenn es um die strukturelle Weiterentwicklung des deutschen Hochschulwesens geht? Werden die Fern-Hochschulen mitgedacht, wenn es um die Integration von allgemeiner, beruflicher und akademischer Aus- und Weiterbildung geht? Welche Ausstrahlung haben ihre didaktisch-methodischen Erfahrungen mit medial und digital geprägten Lernkonzepten auf andere Bildungsinstitutionen im lebenslangen Lernen?

Die Fern-Hochschulen verfügen über eine lange Tradition. Sie habe mit über 170 000 Studierenden an über 15 Fern-Hochschulen und Teilangeboten an über 50 weiteren Hochschulen den Stellenwert einer besonderen Nische im Angebot der akademischen Aus- und Weiterbildung.

Mit über 75 000 Studierenden ist die Fern-Universität in Hagen die größte Hochschule Deutschlands und die einzig staatliche Fern-Hochschule für den deutschsprachigen Raum. 80 Prozent der Studierenden an der Fern-Universität sind berufstätig, fast 15 Prozent haben kein Abitur. Die meisten Studierenden haben eine Berufsausbildung, fast die Hälfte ein abgeschlossenes Studium. 33 Prozent studieren mit Kindern, 20 Prozent studieren trotz einer gesundheitlichen Beeinträchtigung.

Fernstudiengänge sind wegen der komplexen Lebens-, Arbeitsund Studienbedingungen besonders anspruchsvoll. Sie haben im Vergleich zu anderen Studienformen auch deshalb eine höhere Abbruchquote, weil es für viele nicht um einen Studienabschluss geht, sondern um Weiterbildung und Zusatzqualifikation.

Auch deshalb gehören zu den Charakteristika von Fern-Hochschulen die besondere Ausprägung der Studienberatung, der Begleitung im Studium und die Durchdringung des Studiums mit digital-kommunikativen Lernstrukturen und Elementen des blended learning. Denn Studieren von zu Hause birgt neben Chancen auch Risiken.

Dass diese Leistungen mit einer relativ kleinen, methodischdidaktisch besonders qualifizierten Professorenschaft erbracht werden können, sollte auch zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit diesen Reallaboren für ein diverser werdendes Studium Anlass sein. Hier zeigen sich ganz neue Potenziale in der Verbreitung besonders ausgefeilter und bewährter Studienangebote und -materialien für den Austausch von Hochschulen untereinander und zur Nutzung in einer gemeinsamen „Hochschulcloud“.

Auch ist die Anschlussfähigkeit an die Bereiche der beruflichen wie der Weiterbildung und ihrer Institutionen von den beruflichen Bildungsstätten bis zu den Volkshochschulen besonders groß, so wie die Fern-Hochschulen auch für das Akademie-, Weiterbildungs- und Seniorenstudium interessant werden dürften.

20 Prozent Studierende mit Migrationshintergrund, aber auch fast 10 Prozent der Studienenden mit Wohnsitz im Ausland qualifizieren die Fern-Hochschule als Ideengeber für Trends und Herausforderungen, die für den Gesamtsektor der akademischen Aus- und Weiterbildung in Zukunft immer relevanter werden.

Die zunehmende Patch-Work-Struktur der akademischen Lebensläufe korrespondiert mit einer wachsenden Netzwerkstruktur der akademischen Bildungsinstitutionen. Wir tun gut daran, die Fern-Hochschulen in ihrem Potenzial für eine positive Gestaltung dieser Prozesse rechtzeitig zu beachten und zu unterstützen.

Ernst Dieter Rossmann ist SPD-Bundestagsabgeordneter und leitet den Ausschuss für Bildung und Forschung. Rene Röspel (SPD) ist SPD-Bundestagsabgeordneter.

Copyright: Frankfurter Rundschau

Getagged mit: , , , , ,