Europa ist nicht nur für Akademiker da

Ein Gastbeitrag von Ernst Dieter Rossmann in der Frankfurter Rundschau.

Europa_BildungsaustauschAuszubildende gehen viel seltener zum Lernen ins Ausland als Studierende. Das ist kein gutes Zeugnis für ein Europa, das nach Einigkeit strebt.

Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung ist ein großes Ziel. Das gilt für den nationalen Bereich, wenn es um Ansehen, Attraktivität, Bezahlung und Aufstiegsmöglichkeiten geht. Das sollte auch ein großes Anliegen sein, wenn es um Internationalität und den Bildungsaustausch in Europa geht.

Die Wirklichkeit sieht leider anders aus. Das schon legendäre Erasmus-Programm, das seit über 30 Jahren den Bildungsaustausch junger Europäer fördert, geht an der großen Mehrheit der jungen Erwachsenen noch immer vorbei. Es ist bisher vor allem ein akademisches Programm.

Dieser Missstand muss jetzt energisch angegangen werden. Wichtige Zahlen sprechen für sich. Nehmen wir die Mobilitätsquote als zentralen Indikator für die Beteiligung an internationalen Bildungserfahrungen von jungen Erwachsenen. Sie bezeichnet das Verhältnis der Zahl mobiler Bildungsteilnehmer zu den Absolventen im darauffolgenden Jahr. Bei Auszubildenden lag dieser Anteil in Deutschland im Jahr 2017 bei insgesamt 5,3 Prozent. Bei Studierenden dagegen war die Quote mit über 28 Prozent mehr als fünf Mal so hoch.

Auslandsaufenthalte dauern bei mehr als 85 Prozent der mobilen Auszubildenden nicht länger als einen Monat und bei 34 Prozent nicht länger als eine Woche. Bei den Teilnehmenden aus dem akademischen Bereich studieren immerhin 64 Prozent ein Semester und länger im Ausland und 36 Prozent absolvieren ein mehrwöchiges Praktikum. Die deutschen Zahlen unterscheiden sich dabei nicht gravierend von dem, was wir aus anderen europäischen Ländern kennen, zumal den großen EU-Staaten wie Frankreich, Spanien, Italien, Polen und mit Abstrichen auch Großbritannien.

Das darf die Europäische Union und auch die deutsche Politik nicht ruhen lassen. Die Europäisierung des Arbeitsmarktes darf und wird sich nicht auf die akademisch gebildeten Fachkräfte beschränken. Es kann nicht akzeptiert werden, dass der unbestreitbare Gewinn an kultureller, sprachlicher, sozialer und politischer Kompetenz und Persönlichkeitsbildung, der mit Auslandserfahrungen verbunden ist, sich einseitig auf eine Bevölkerungsgruppe konzentriert.

Der Festigung einer gemeinsamen europäischen Identität für die Zukunft kann eine derart starke Diskriminierung nach Bildungsweg sowie späterem Bildungs- und Sozialstatus jedenfalls nicht guttun. Europa ist schließlich für alle da und Europa muss für seine Zukunft durch alle getragen werden können.

Das europäische Leitprogramm Erasmus ist deshalb verstärkt auf die Förderung von jungen Menschen in einer beruflichen Ausbildung oder mit einer beruflichen Qualifikation auszurichten. Erste Schritte sind gemacht. Erasmus Plus wendet sich gezielt an junge Auszubildende oder andere Personen mit einem ersten Berufsbildungsabschluss, die vor maximal zwölf Monaten ihre Ausbildung abgeschlossen haben.

Sie erhalten ihre Stipendien über die Berufsschulen oder Betriebe, die die Auslandsaufenthalte organisieren, die Betreuung im Praktikum übernehmen, die Unterbringung im Gastland organisieren und Sprachkurse vermitteln. Alle Teilnehmenden bekommen einen Europass als Mobilitätsnachweis, der die im Praktikum oder in der Ausbildung erworbenen Kenntnisse darstellt. Fast 50 Prozent aller mobilen Auszubildenden werden aus dem Erasmus-Plus-Programm finanziert, während die Betriebe nur bei rund einem Fünftel an der Finanzierung beteiligt sind.

An den Betrieben und deren Motivierung, Auszubildende für länger als nur eine Woche für eine europäische Bildungszeit freizustellen, setzen auch zusätzliche Aufklärungs- und Beratungsmaßnahmen an. Es braucht hier Agenturen und Netzwerke, die gerade kleine und mittlere Unternehmen unterstützen und Wege für mehr berufliche Bildungsmobilität aufzeigen. So ist noch viel zu wenig bekannt, dass ein Teil der Berufsausbildung schon jetzt im Ausland absolviert werden kann.

Entscheidend bleibt, dass der Wille der Europäischen Kommission, die Finanzmittel im Erasmus-Haushalt 2021 bis 2027 auf 30 Milliarden Euro zu verdoppeln, auch Wirklichkeit wird. Das ist das Mindeste. Und es muss ein gemeinsamer Masterplan für die Zahl der Teilnehmenden greifen, damit Gleichwertigkeit auch Gleichrangigkeit heißt. Allen muss klar sein: Ein Europa, bei dem die Jugend und die jungen Erwachsenen im Bildungsaustausch gespalten werden, kann auch in anderen Fragen kein einiges Europa werden.

Ulrike Bahr ist Beauftragte der SPD-Bundestagsfraktion für den Bereich Erasmus.

Ernst Dieter Rossmann (SPD) leitet den Ausschuss für Bildung und Forschung des Bundestages.

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Veröffentlicht in Berlin, Rossmann überregional

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