Ein neuer Aufbruch – Die Allianz für Aus- und Weiterbildung

2015-04-23 Bild 001Was ist da los in der viel gerühmten dualen Ausbildung in Deutschland, mächte Mensch fragen. Einerseits wird das duale System der Berufsausbildung als Garant für die geringe  Jugendarbeitslosigkeit, das hohe Fachkräfteniveau und die starke Wertschöpfung benannt und gar in den Status des Exportschlagers erhoben. Andererseits hat dieses System in Deutschland selbst durchaus aktuelle und strukturelle Probleme. Es werden  systemimmanente sowie systemisch innovative Anstrengungen aller Beteiligten gefordert. – Gastbeitrag in Berufliche Bildung Hamburg Nr.1· 2015

Offene Baustellen gibt es genug

Die jüngsten Zahlen zum Ausbildungsergebnis 2014 belegen, dass noch nie seit  der Wiedervereinigung 1990 so wenige  Ausbildungsverträge abgeschlossen wurden wie im Jahr 2014, nämlich 522.000.  Auch bei der Zahl der Ausbildungsbetriebe haben wir ein neues Tief. Von bundesweit 2,11 Millionen Betrieben mit mindestens einem Angestellten bildeten nur noch knapp 438.000 aus. Das ist nur noch jedes fünfte Unternehmen. Natürlich spielen  für diese Entwicklung strukturelle Veränderungen in der Wirtschaft und auch demographische Gründe eine Rolle sowie  die Verlagerungen der beruflichen Ausbildung in schulische und akademische  Ausbildungswege.

Ausbildungssicherung: Wirtschaft, Gewerkschaften und Politik   War der erste Ausbildungspakt 2004  noch wesentlich dadurch geprägt, dass  er eine politische Antwort auf die von  der Wirtschaft vehement bekämpfte  Ausbildungsumlage sein sollte, so entwickelten sich diese Pakte in der Folge  zu breit angelegten Allianzen der Bundesregierung mit Wirtschaftsverbänden  und später der Kultusministerkonferenz,  mit umfangreichen Lastenheften für alle Seiten, Absichtserklärungen für neue  Ausbildungsplätze und einer schrittweisen Erweiterung des Instrumentenkastens.  All dies konnte allerdings den Deutschen  Gewerkschaftsbund nicht von einer Mitwirkung an diesen Pakten überzeugen. Die  Gewerkschaften reagierten damit auf die  Verschiebung der Gestaltungsmacht in der  beruflichen Bildung weg vom klassischen  Konsensprinzip der Tarifpartner hin zu  Wirtschaft und Politik.

Dies hat sich jetzt geändert. Die Gewerkschaften sind dabei. Im Koalitionsvertrag 2013 ist die Weiterentwicklung des bisherigen Ausbildungspaktes zur „Allianz  für Aus- und Weiterbildung“ gemeinsam  mit den Sozialpartnern und den Ländern  als ein zentrales Projekt zur Umsetzung  einer Ausbildungsgarantie beschlossen  und der hohe Wert des Konsensprinzips in  der Berufsordnungsarbeit von öffentlicher  Hand und Sozialpartnern ausdrücklich  bekräftigt worden. So öffnete sich erstmals  das Tor zu einem konstruktiven trilateralen  Korporatismus von Wirtschaft, Gewerkschaften und Politik.

Die neue Allianz für Aus- und Weiterbildung  Wer die verabschiedeten Dokumente seit  2004 verfolgt, wird einen Zuwachs an  Länge, allgemeinen Zielstellungen und  breit gespannten Absichtserklärungen  diagnostizieren. Die Allianz hat hier den  Anspruch, substanzieller und klarer auf  den Kern, nämlich die duale betriebliche  Ausbildung, ausgerichtet zu sein. Die  sechs Essentials sind:

1) Die Wirtschaft hat sich verpflichtet,  2015 zusätzlich 20.000 betriebliche  Ausbildungsplätze im Vergleich zum  Vorjahr anzubieten. Dieser Aufwuchs  soll im Gegensatz zum alten Ausbildungspakt wirklich „on the top“ kommen. Und in den Folgejahren muss die  Wirtschaft dieses Niveau dann mindestens halten.

2) Die Wirtschaft macht allen Ausbildungssuchenden, die zum 30. September 2015 keinen Ausbildungsplatz haben, drei Angebote für eine betriebliche  Ausbildung. Die Unternehmen haben  verstanden, dass sie hier auch in ihrem  eigenen Interesse in einer „Holschuld“  sind.

3) Der Bund leistet über die Bundesagentur  für Arbeit den Einstieg in die assistierte Ausbildung mit 10.000 Plätzen für  2015/16. Dieses Instrument soll sozial  förderungs bedürftigen jungen Menschen eine Chance auf eine erfolgreiche  betriebliche Ausbildung eröffnen, indem diese längerfristig in Zusammenarbeit mit den Schulen, Unternehmen und  dem Elternhaus aus einer Hand betreut  werden. Auch die ausbildungsbegleitenden Hilfen der BA für ausbildende  Unternehmen werden ausgeweitet. Wie   verabredet, sind beide Bausteine bereits  gesetzlich umgesetzt worden.

4) Die bewährte Brücke in eine Ausbildung,  die Einstiegsqualifizierungen (EQ), wird  mit 20.000 EQ-Plätzen jährlich fortgesetzt. Tatsächlich war ihre Zahl 2015  auf rund 7.900 gesunken. Über Aufklärung und Werbung, Zertifizierung durch  die Wirtschaft und Berufsschulzugang  über die Länder soll dieses Instrument  wieder mehr genutzt werden.

5) Die Allianz stellt erstmals die hohe Bedeutung einer umfassenden, frühen Berufsorientierung heraus, die zwischen  Bund und Ländern harmonisiert und  qualitativ aufgewertet werden soll. Die  Berufsorientierung soll sich hier an das  ganze Leistungsspektrum der Schülerschaft richten, von den leistungsstärkeren Schülerinnen und Schülern aus Schulen mit Sek. Il-Angeboten bis hin zu den  Jugendlichen mit einer Behinderung. Die  Wirtschaft beteiligt sich an dieser besseren Berufsorientierung und stellt dafür  jährlich 500.000 qualitativ hochwertige  Praktikumsplätze zur Verfügung.

6) Die Attraktivität der beruflichen Bildung soll gemeinsam gesteigert werden.  Dazu gehören z.B. mehr Durchlässigkeit zwischen beruflichen und akademischen Bildungsgängen, etwa die weitere Öffnung der Hochschulen für  Absolventen der Berufsbildung oder die  bessere Anerkennung beruflicher Vorleistungen in einem Studium und mehr  Teilzeitausbildungen. Schließlich bereitet der Bund Leistungsverbesserungen  im sogenannten Meister-BAföG, dem  Aufstiegsfortbildungsförderungsgesetz  (AFBG) vor.

Die Allianz für Aus- und Weiterbildung,  wie sie jetzt vereinbart worden ist, bildet  deshalb keine einfache Verlängerung des  Ausbildungspaktes, sondern versucht einen neuen Aufbruch. Die Allianz-Partner  werden hierzu die Verpflichtungen regelmäßig weiter beraten und neu festlegen,  z.B. bei der Zahl der zusätzlichen Ausbildungsplätze oder der möglichen Aufstockung der assistierten Ausbildung. Dies  wird dann auch die Nagelprobe auf die  Verlässlichkeit der Zusagen bilden und im  Konkreten die Frage beantworten, wie es  alle Seiten mit der Priorität für die berufliche Bildung wirklich halten.   Dr. Ernst Dieter Rossmann (MdB),  Sprecher der AG Bildung und Forschung der SPD-Bundestagsfraktion   Nr. 1 ·2015 Berufliche Bildung Hamburg 33

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