Geht hinaus und bildet Euch

Die EU fördert mit Erasmus + stärker als bisher einen Aufenthalt im Ausland für Studenten und Auszubildende. – Gastbeitrag Frankfurter Rundschau vom 29. Juli 2015

fr_29-7Die Bildung der Zukunft ist humanistisch, ökologisch und europäisch. Was der Sozialdemokrat Peter Glotz noch im alten Jahrhundert postuliert hat, bekommt neue Aktualität. Die Geistes- und Wertehaltung des Humanismus bietet die Chance, Biologismus und Chauvinismus und ihre Wiedergänger in der Gegenwart zurückzudrängen. Ökologische Bildung reflektiert, dass der nachhaltige Umgang mit den natürlichen Ressourcen die menschliche Überlebensfrage überhaupt im 21. Jahrhundert ist.

Die europäische Bildung ist deshalb so wichtig, weil darin in weltweit einmaliger Weise die Aneignung einer letztlich zu Freiheit und Frieden drängenden Geschichte und ein vielfältiger Reichtum an Sprachen, Wissen und Kulturen gebündelt sind und die europäische Idee Tragkraft als ganz eigene Stimme der Hoffnung in der Welt der Moderne bekommt. Sich hierauf neu zu besinnen, muss gerade in Zeiten eingefordert werden, in denen sich die europapolitischen Debatten nahezu ausschließlich auf „Rettungsmilliarden“ und „Sparpakete“ reduzieren und Populismus und Renationalisierung drohen.

Jacques Delors, der legendäre französische Sozialist und Kommissionspräsident von 1985 bis 1995, hat hierzu klarsichtig festgestellt: „Niemand verliebt sich in einen europäischen Binnenmarkt.“ Gerade junge Menschen können auch über Grenzen hinweg Neugierde, Verständnis, Kooperationsfähigkeit entwickeln. Sie sind der Zukunft zugewandt. Deshalb war es auch kein Zufall, dass unter der Ägide Delors’ nach der Installation des ersten Büros der Zusammenarbeit im Bildungswesen bei der EU 1985 im darauf folgenden Jahr ein Programm für den Studentenaustausch ins Leben gerufen wurde, das sich dann über die letzten 25 Jahre zu dem großen europäischen Bildungsprogramm überhaupt von Austausch, Erfahrung und Begegnung entwickelt hat.

Mit 3000 Studenten aus elf Mitgliedsstaaten ist dieses Programm am 17. Juni 1987 gestartet und hat seitdem über drei Millionen Studierende aus der sich kontinuierlich erweiternden EU und darüber hinaus erreicht. Auch die Hunderttausende an Schülerinnen und Schülern, Auszubildenden und Lehrkräften dürfen nicht vergessen werden – eine wahrlich völkerverbindende europäische Union der Bildung und Begegnung. Allein für Deutschland bedeutete dies im Hochschuljahr 20 13/ 2014 fast 30 000 Studienaufenthalte, über 6000 Praktika, über 3200 Lehraufenthalte und über 1150 Fort- und Weiterbildungen von Hochschulmitarbeitern.

Über lange Zeit war dieses europäische Bildungsprogramm mit den Namen großer europäischer Gelehrter der Bildung wie Comenius für die Schulbildung, Erasmus für die Hochschulen, Leonardo da Vinci für die berufliche Bildung und Grundtvig für die Weiterbildung verbunden, bevor es jetzt unter dem Leitmotiv Erasmus + neu justiert wurde. Dabei werden für die Jahre 2014 bis 2020 bei einem europäischen Budget von 14,8 Milliarden Euro, immerhin einem Plus von 40 Prozent, sieben EU-Programme für die allgemeine und berufliche Bildung und die Jugend durchgeführt. Gefördert werden sollen in diesen sieben Jahren mehr als vier Millionen Menschen und 125 000 Institutionen, darunter zwei Millionen Studentinnen und Studenten, 650 000 berufliche Ausbildungen und Praktika im Ausland und 500 000 junge Menschen als Freiwillige, über 25 000 Partnerschaften von Bildungsinstitutionen und 800 000 Pädagoginnen und Pädagogen aus allen Arbeitsbereichen.

Damit dies nicht nur eindrucksvolle Zahlen bleiben, muss die konzeptionelle Diskussion um den Kern europäischer Bildung wieder aufgenommen und vertieft werden. Dieser Anspruch ist schon bei der jüngsten Bologna-Folgekonferenz in Eriwan festgehalten worden. Damit diese fundamentale Studienreform für einen einmaligen Hochschulraum mit seinen über 10 000 Hochschulen und über zwei Millionen Hochschullehrern nicht in Technokratie erstickt. Auch in Deutschland kann das europäische Bildungsmotiv an den Hochschulen noch wachsen. Gewiss haben fast alle Hochschulen ihre europäischen Partnerhochschulen, aber nur zwei staatliche und vier private Hochschulen aller 437 Hochschulen in Deutschland insgesamt bekennen sich auch schon in ihrem Namen zu Europa. Bis die Europa-Hochschule selbstverständlich ist, jeder Studierende ein europäisches Semester macht und der Europäische Professor ein Markenzeichen ist, bleibt es noch ein langer Weg.

Was sagt uns die Erkenntnis des Deutschen Akademischen Auslandsdienstes (DAAD), dass gerade Studierende für das Lehramt signifikant weniger Studienerfahrungen im Ausland haben? Da möchte man mit Lionel Jospin, dem früheren französischen Bildungsminister und späteren Premier, nicht nur fordern, dass jeder Schüler in Europa in seiner Schulzeit vier Wochen in einer anderen Schule und Familie dieses Europa ganz persönlich erfahren sollte, sondern dass auch an jeder Schule in Europa mehrere Lehrkräfte aus einem anderen europäischen Partnerland als „Europa-Lehrer“ tätig sein sollten.

Das würde die europäische Bildungsgemeinschaft nicht nur von der Idee, sondern auch von der direkten persönlichen Erfahrung gerade für die Generation erlebbar machen, durch die Europa in Zukunft immer wieder neu belebt und gelebt werden muss. Dieses gemeinschaftliche und solidarische Europa wird in seinem Charakter und in seiner Qualität schließlich an erster Stelle für die junge Generation lebensbestimmend sein.

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