100 Jahre VHS im Dienste der Demokratie

Festrede zu „100 Jahre VHS Lübeck“ in Lübeck3cae262e2e79e5ddb339362e4dc057b1

Vor 100 Jahren, am 21. September 1919, ist hier in Lübeck die Volkshochschule gegründet worden. Das ist wahrlich ein guter Anlass, eine lange Nacht zu feiern und am nächsten Tag gleichwohl frisch hier im wunderbaren Festsaal des Rathauses zu einer Erinnerungsstunde und Perspektivrunde zusammen zu kommen. Ich darf aus diesem Grund die besten Grüße unserer Ehrenpräsidentin Frau Süssmuth, unserer Präsidentin Frau Kramp-Karrenbauer und unseres Vorsitzenden Martin Rabanus überbringen. Und ich tue dies gleichzeitig als Landesvorsitzender im Namen der 140 Volkshochschulen, die wir in Schleswig-Holstein zusammen haben, und unseres Verbandsdirektors Herrn Schneider. Herzlichen Glückwunsch und alles Gute!

100 Jahre VHS im Dienst für die Demokratie? Ist das mit dem Dienst nicht ein bisschen sehr nüchtern und gleichzeitig sehr zweckgebunden formuliert? Nein, wir sehen uns im Dienst von Bildungschancengleichheit, gesellschaftlichem Zusammenhalt und Demokratie. Wir tun dies aus Pflicht und wir tun dies mit Freude. Diese Freude und diese Begeisterung sind ja auch bei der langen Nacht der Volkshochschulen spürbar gewesen. Ja, wir sehen uns im Dienst der Demokratie, als Wegbereiter, als Unterstützer, als Laboratorium. Demokratie ist Voraussetzung, Anfang und gesellschaftlicher und politischer Auftrag der Volkshochschulen.

Ich möchte hierzu in vier Punkten mit Ihnen zusammen weiter nachdenken.

Erstens. Die Volkshochschulen sind Ergebnis und Wegbereiter von Demokratie.

Tatsächlich ist 1919 ja nicht die Geburtsstunde, aber der eigentliche politische Durchbruch für die Volkshochschulen in Deutschland. Denn schon im 19. Jahrhundert gab es Handwerker und Arbeiterbildungsvereine. Natürlich in kleiner Zahl, 1869 wird von 15 solcher Vereine in Deutschland berichtet. Es gab Volkshochschulen, die vom Grundaufbau schon durchaus ähnlich den heutigen Volkshochschulen gewesen sind in all unserer Diversität, und es gab auch Heimvolkshochschulen und Volksbildungsstätten, die wir mit dem großen skandinavischen Gelehrten und Beweger Nikolas Grundtvig auch heute noch verbinden. Es gab viel Selbstorganisation von Menschen aus der Arbeiterschicht wie aus dem Bürgertum, Bildung für alle zum Durchbruch zu verhelfen. Aus Eigeninteresse, aus Menscheninteresse, in der Verantwortung für die Gesamtheit.

„Bildung macht frei“, war der Leitspruch von Joseph Meyer, einem der Revolutionären von 1848, der uns heute noch als Meyers Konversationslexikon in Erinnerung ist, bevor dann die digitalen Medien auch diesen Teil destruktiv verändert haben. „Wissen ist Macht“, war das Leitmotiv des legendären Drechslermeisters, Arbeiterführers und sozialdemokratischen Parteivorsitzenden August Bebel. 1866 hatte die sächsische Volkspartei die Bildung „der Volksschule Entwachsenen“ in ihr Wahlprogramm aufgenommen. 1866 war im Parteiprogramm des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins bereits von allgemeiner Volksbildung die Rede. Damit war der Boden bereitet für 1918 und die erfolgreiche Revolution mit der 1919 folgenden Verabschiedung der „unterschätzten“ Weimarer Verfassung, deren Qualitäten Frank-Walter Steinmeier, unser Bundespräsident, erst kürzlich im Bundestag ausgeführt hat.

Demokratie, Frauenwahlrecht, Recht auf Grundschulbesuch und die Volkshochschulen sind markante Leuchttürme aus dieser Verfassung, die bis in die Gegenwart hineinreichen. Im Artikel 148 Absatz 4 der Weimarer Verfassung findet sich der bemerkenswerte Satz: „Das Volksbildungswesen, einschließlich der Volkshochschulen, soll im Reich, in den Ländern und Gemeinden gefördert werden. Kiel, Lübeck, Preetz, Elmshorn, die Heimvolkshochschule Klappholtal auf Sylt – das sind Volkshochschulen, die in dem damaligen 1919er Jahr ins Leben gerufen worden sind. Sie standen am Anfang einer großen Bewegung, die dann zu bald über 800 Neugründungen im damaligen Deutschen Reich führten. Reich, Länder und Gemeinden fühlten sich für die Weiterbildung der Erwachsenen verantwortlich. Die erwachende Demokratie auf allen Ebenen nahm damit etwas auf, was die Menschen von sich aus wollten und sie setzte als Unterstützung um, was sie selber auch gebrauchen konnte. Nämlich den Zusammenhang von Demokratie und Bildung mit Leben zu füllen.

Allerdings zeigte sich dann leider auch sehr schnell die Brüchigkeit der jungen Demokratie. Es gab permanente und harte Spannungen mit den alten, absolutistischen und nichtdemokratischen Kräften im Reich vom Militär bis zur Beamtenschaft, von der Professorenschaft bis zu dem Unternehmertum. Es gab soziale Krisen als Folge von Arbeitslosigkeit und wirtschaftlichem Zusammenbruch. Die Menschen hatten andere Sorgen im Kopf, als sich Zeit und Kraft zu nehmen für die Weiterbildung an den Volkshochschulen. Viele der gerade gegründeten Volkshochschulen mussten deshalb auch in den Schlussjahren der Weimarer Demokratie ihre Arbeit einstellen – Faschismus und Krieg brachten die große Idee der freien Volkshochschule zum Zusammenbruch, sei es durch Gleichschaltung, sei es durch Umwandlung in faschistische Bildungseinrichtungen, sei es durch Auslaufen und Marginalisierung. Die größte Menschheitskatastrophe der Neuzeit ließ auch keinen Platz für das Überleben der Idee freier Volkshochschulen.

Als es dann nach der Befreiung der Alliierten nach dem 8. Mai 1945 eine Chance auf eine neue Demokratie gegeben hat, waren auch die Volkshochschulen sofort dabei. Wer Krieg und Faschismus überlebt hatte und sich in der ersten Weimarer Demokratie in den Dienst von Weiterbildung und Allgemeinwohl gestellt hatte, nahm die alten Verbindungen wieder auf und beteiligte sich an der Wiederbegründung der Volkshochschulen. Viele ehemalige Volkshochschulleitungskräfte, Dozenten und auch Teilnehmer fanden schnell zurück zu ihrer guten Idee der freien Erwachsenenbildung. Auch die Alliierten Besatzungsmächte versprachen sich von Volkshochschule und Erwachsenenbildung eine Wiederbelebung eines demokratischen Grundgedankens und des notwendigen Verständnisses für Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung, Menschenrechte und deren demokratischer Umsetzung. Und auch viele Menschen in all ihrer Alltäglichkeit, Zerbrechlichkeit und Belastung waren gleichzeitig ebenso freiheitshungrig wie bildungshungrig. Die Volkshochschulen nahmen unter widrigen Umständen wieder einen Platz in den Kommunen ein und belegten einmal mehr: Wo Demokratie ist gedeiht Volkshochschule – wo Volkshochschule wirken kann, wächst auch die Demokratie. Es geht um den freien, den gleichen, den aufgeklärten, den verantwortlichen Menschen. Volkshochschule und Demokratie – das ist eine Symbiose.

Ein zweiter Gedankenfaden. Volkshochschule muss immer eine selbstbewusste und kämpferische Verteidigerin von Demokratie sein.

Mit Selbstbewusstsein und Stolz blicken wir zurück auf die Geschichte in unseren Volkshochschulen und ihrer Vorbilder. In der Stadt von Willy Brandt und Julius Leber, in Lübeck, darf ich erinnern an eines dieser großen Vorbilder, das wir in den Volkshochschulen uns noch viel mehr bewusst machen müssen. Adolf Reichwein stand am 20. Oktober 1944 zusammen mit den anderen Sozialdemokraten Hermann Maaß, Gustav Dahrendorf und eben dem Lübecker Julius Leber vor den Schergen des Freislerschen Volksgerichtshofes.

Adolf Reichwein war und ist für die Volkshochschulen eine bedeutende Persönlichkeit. Er hat von 1923 bis 1929 in der Thüringer Fortbildungsarbeit mitgewirkt, zunächst als Geschäftsführer der überregionalen VHS Thüringen, ab 1925 als Leiter der städtischen VHS Jena. Er war nicht nur ein streitbarer Sozialdemokrat und praxisgeleiteter Pädagoge aus Leidenschaft, sondern auch ein Denker, ja ein Vordenker, der sich richtungsweisend in die grundlegenden Debatten der Volkshochschulen miteinbrachte. Als Mitglied des Hohenrodter Bundes, einer der Propagandisten und Protagonisten der neuen Richtung innerhalb der Weimarer Volksbildungsbewegung, vollzog sich mit Reichweins Amtsantritt in Jena ein markanter Programm- und Paradigmenwechsel. Kernpunkte seines Volkshochschul-Verständnisses sollen hier kurz zitiert werden:

  • Die Volkshochschule ist ein Treffpunkt zur freien Aussprache.
  • An die Stelle des Vertrages tritt die Arbeitsgemeinschaft der Gruppe.
  • Die Volkshochschule ist eine Stätte persönliche Bildung.
  • Die Volkshochschule will helfen die Einzelnen zu verantwortungsbewussten Menschen gegenüber sich selbst und der Gemeinschaft zu erziehen.
  • Die Volkshochschule dient der Entfaltung des Einzelnen und seiner Kräfte. Sie dient nicht minder dem Neubau von Gesellschaft und Staat.

Neudeutsch gesprochen: Volkshochschule ist damit ein Tendenzbetrieb. Sie ist eine demokratische Institution und sie ist nicht wertneutral. Als Kind der Demokratie verteidigt sie ihre Mutter die Demokratie. Oder um es weniger pathetisch zu sagen: Die Volkshochschulen müssen in Offenheit zum Streit bereit sein. Dabei müssen auch klare Grenzen gezogen werden: Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus und andere Formen gruppenbezogener Diskriminierung haben in Volkshochschulen keinen Platz, weder bei Teilnehmenden noch bei Mitarbeitenden.

Dabei müssen wir über eines zusammen nachdenken. Ein dogmatisch verschlossenes Weltbild und Wissenschaftsfeindlichkeit drohen auch in Volkshochschulen hineinzuwirken, je mehr sich diese als reine Dienstleister für eng umrissene Lernfunktionen und Qualifizierungen verstehen und so auch wahrgenommen werden. Hiergegen müssen wir in vier Prinzipien und Aufforderungen zum Handeln in den Volkshochschulen klar Stellung beziehen

  1. Volkshochschulen sind Bildungseinrichtungen mit einem umfassenden Anspruch der Persönlichkeitsbildung. Sie nehmen den Menschen ganzheitlich wahr und setzen sich mit ihren Teilnehmenden deshalb auch deshalb politisch auseinander.
  2. Die Volkshochschulen stehen als Institutionen für ein positives Bekenntnis zu den humanistischen Werten unserer Verfassung und zur Demokratie. Ihre Leitungskräfte treten hier selbstbewusst und wahrnehmbar in der Öffentlichkeit ein. Wir brauchen Klarheit in unserem Leitbild und ein öffentliches Bekenntnis zu unseren Werten.
  3. In den Volkshochschulen wird bei Diskriminierung, bei Rassismus und Extremismus nicht weggeschaut, sondern das Gespräch bis hin zum Streit gesucht. Missstände werden offensiv angesprochen und die Bereitschaft zum Streit und zu konsequentem Handeln ist immer erkennbar. Das schließt das konsequente Ziehen von Grenzen bis hin zum Ausschluss mit ein, gegenüber Mitarbeitenden und auch gegenüber Teilnehmenden.
  4. Die Volkshochschulen nehmen sich in die Pflicht, jeden noch so kleinen Anknüpfungspunkt für eine rationale und offene Auseinandersetzung beharrlich aufzunehmen und zu verfolgen, solange die Kritikfähigkeit gegenüber eigenen Positionen im Prozess wächst. Wir müssen ein Beispiel geben für Anstand im Diskurs und Kritikfähigkeit im Prozess.

Dieses hat den Volkshochschulen schon immer viel abverlangt. In diesem Sinne haben wir auch mitgewirkt am großartigen Konzept des sogenannten Beutelsbacher Konsens, was die politische Bildung angeht. Eben politische Bildung und nicht politische Überwältigung, und nicht politische Einseitigkeit. Wir müssen uns darauf einstellen, dass diese Aufgabe anspruchsvoller wird, wenn wir uns aktuelle Entwicklungen in der demokratischen Öffentlichkeit, in den Parlamenten, in der Gesellschaft mit ihren Konflikten und auch in den Medien anschauen. Deshalb ist es umso wichtiger, dass die Volkshochschulen, ihre Führungskräfte, ihre Mitarbeiter und auch die kommunalen Vertreter, die hinter den Volkshochschulen stehen, die Wissenschaft und alle übrigen an der Volkshochschulbewegung Engagierten sich klar bekennen, notfalls in den Streit gehen und dieses mit Selbstbewusstsein und klarer Haltung. Auch wenn es anstrengend werden mag: Es ist einfach notwendig.

Als drittes Moment zum Nachdenken möchte ich deshalb ansprechen.

Volkshochschulen sind Lernorte von Demokratie.

Das ist ja das Besondere an der schwierigen Staatsform der Demokratie, dass sie immer wieder neu gelernt werden muss, immer wieder neu begriffen und immer wieder neu mit Sorgfalt und mit möglichst großem Konsens weiter entwickelt werden muss.

Die politische Bildung muss deshalb weiter einer der zentralen Teilbereiche dessen sein was wir in den Volkshochschulen anbieten, für das wir Teilnehmende gewinnen wollen und was wir offen, motivierend und persönlichkeitsbildend gestalten wollen. Themen und Methoden werden wechseln, die Grundwerte und das Ziel demokratisch politischer Bildung bleiben. Wenn wir auch in Schleswig-Holstein feststellen müssen, dass die Angebote und Teilnahmen an politischer Bildung nicht zuletzt durch die Schwerpunktverlagerung im Zuge der Flüchtlingsbewegung und der Aufgaben sprachlicher, sozialer und politischer Integration um 14 Prozent zurückgegangen sind, darf man dies jetzt nicht ruhen lassen. Im Gegenteil, wir brauchen einen deutlichen Zuwachs in diesem Bereich, wenn wir auf der Höhe der Zeit sein wollen.

Politische Bildung setzte die Möglichkeit der gesellschaftlichen Teilhabe voraus. Es ist uns deshalb auch nicht schwer gefallen, auf Zeit gesehen eine solche Verlagerung der Schwerpunkte mitzumachen, um unter Anspannung aller Kräfte mindestens für die große Zahl der Menschen, die aus Flucht oder anderen Gründen zu uns kommen, über Kurse zum Erlernen der deutschen Sprache und Angebote zum besseren Verständnis vom politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Leben in Deutschland den Weg zu bereiten. Weil wir wissen, dass politisch gesellschaftliche Teilhabe ein Fundament braucht, wissen wir aber auch, dass es nicht nur um das Erlenen der deutschen Sprache geht sondern für viele Menschen um das Erlenen von Lesen und Schreiben überhaupt. Auch dieses ist eine Aufgabe, der wir uns als Volkshochschule stellen, weil wir wissen, dass hier dann auch ein Baustein für eine stabile und entwicklungsfähige Demokratie liegt.

Schließlich geht es auch um das Grundanliegen von Partizipation als konkrete Lern- und Lebenserfahrung für die Menschen, die aus der Volkshochschule zukommen und die wir für die Volkshochschulen gewinnen wollen. Wo wir hier in Lübeck das 100-jährige Bestehen der Volkhochschule feiern, darf ich an die Eröffnungsrede des ersten Leiters der Volkshochschule Lübeck Albin Möbusz erinnern, der in seiner Eröffnungsrede am 21. September 1919 ausgeführt hat: „Die Volkshochschule ist nicht auf behördliche Anordnung oder von oben her ins Leben gerufen wurden, sondern entsprechend den jetzigen Zeitverhältnissen auf demokratischer Grundlage errichtet. Männer und Frauen aus allen Schichten des Volkes, besonders aus Arbeiterkreisen, sind an ihrer Gründung beteiligt.“ Und diese demokratische Verfasstheit der Lübecker Volkshochschule hat Albin Möbusz mit seinen Mitstreiterinnen und Mitstreitern dann auch in einem Hörer- und Lehrerausschuss umgesetzt, wobei diese Ausschüsse jeweils einen Vertreter in den Verwaltungsausschuss senden durften, dem dann noch einige Vertreter des kommunalen Lebens mit angehörten.

Diese demokratische Partizipation über Hörer- und Dozentenausschüsse ist leider in der Gegenwart nicht mehr so stark ausgeprägt, wie es in den auch in den demokratie- und partizipationsbewegten Zeiten der 70er und 80er Jahre noch wieder aufgeflammt ist. Die Volkshochschulen sollten sich diesem Anliegen wieder neu öffnen und Partizipation auf jeder Ebene zu ihrem Leitmotiv machen, in der Beteiligung der Mitarbeitenden, in der Beteiligung der Dozentenschaft, was Themenfindung wie Ausgestaltung angeht, in Hörer- und Teilnehmendenausschüssen, mit Blick auf die große Zahl der dauerhaft Interessierten und Engagierten und auch mit Blick auf die Menschen, die wir zusätzlich für die Volkshochschule gewinnen wollen.

Gerade wenn wir uns auseinandersetzen wollen mit den Veränderungen des Lernens durch die Digitalisierung und soziale Medien, wird es wichtig sein, dass es hier auch direkte Partizipation gibt und sich unsere Teilnehmenden mit den Volkshochschulen identifizieren. Wenn es dabei gelingt, diese Partizipation in einem demokratischen Stil, was Sprache, Auftreten und Kommunikation angeht, so durchzuführen, dass der Respekt vor den anderen Menschen und auch der Respekt vor dem Kompromiss wachsen, haben Volkshochschulen sicherlich auch einen Baustein mehr gelegt, was die Festigung der Demokratie insgesamt angeht. Sie sind damit nicht nur Lernort von Demokratie sondern auch Laboratorium für Demokratie, veränderungsbereit und zugleich unverwechselbar, wie es in unserem blauen Buch, der Standortbestimmung, wie sie vor acht Jahren gemeinsam von den Mitgliedern des Deutschen Volkshochschulverbandes beschlossen worden ist. Dabei wissen wir, die Demokratie wandelt sich und damit auch das Lernen von Demokratie. Aber wie Berthold Brecht mit Blick auf seinen Herrn Keuner so schön formuliert: „Erbleichen“ und gar „Erschrecken“ müssen wir erst, wenn wir uns in hundert Jahren gar nicht verändert hätten.“

Und ein viertes Feld, wo Volkshochschule Demokratie stärken kann und von dem Demokratie lebt, möchte ich hier zum Schluss ansprechen.

Volkshochschule ist immer auch ein Ort von Gesellschaft und Weltoffenheit, von Lokalität und Globalität.

Das Lokale ist uns über unsere kommunale Verankerung im Grundverständnis schon gegeben, indem wir die Bedürfnisse unserer Hörerinnen und Hörern, der Teilnehmenden vor Ort aufnehmen, indem wir Teil der kommunalen Gemeinschaft sind, indem die Kommunalpolitiker uns organisatorisch, materiell und hoffentlich auch von den Ideen her nachhaltig unterstützen. Diese Lokalität hat bei den Volkshochschulen aber nie dazu geführt, dass es ein biedermeierlicher Rückzug ins Lokale, ins rein Örtliche gewesen ist, sondern aus der Lokalität ist Gesellschaftsoffenheit und Weltoffenheit erwachsen. Die Gesellschaftsoffenheit spiegelt sich darin wider, dass alle Menschen aller sozialen Schichten, aller Herkommens, aller beruflichen oder anderen Vorbildungen und aller Interessen zu den Volkshochschulen kommen können. Wir sind der Ort von prinzipieller Offenheit gegenüber allen Menschen und ihren Lernbedürfnissen.

Wir sind zugleich der Ort, der das Lokale immer mit dem Globalen verbunden hat. Die moderne Sichtweise „global denken und lokal handeln“ haben wir immer auch so umgesetzt, lokal zu denken, um dann auch global zu handeln. Unser Institut DVV International, das in über vierzig Ländern der Welt aktiv ist, steht für diese gemeinsame Weltoffenheit und Weltverantwortung, so wie es auch für das lokale Aufnehmen und Mitdenken und Umsetzen von dem steht, was wir in anderen Regionen der Welt an Bildungsverständnis und Bildungsforderungen kennenlernen und mitaufbauen können.

Und schließlich ist auch nicht zu vergessen, dass Volkshochschulen als kommunale Einrichtung eben den kommunal Verantwortlichen selber auch ein Feld geben, in Übereinstimmung mit der Bürgergesellschaft, oder wie man Neudeutsch sagen würde, mit der Zivilgesellschaft, daran zu arbeiten und mitzuwirken, Bildung in eigener Souveränität und Verantwortlichkeit selber gestalten zu können, im Wesentlichen nicht vorgegeben von anderen politischen Ebenen und umso mehr bestimmt von den Bedürfnissen der Kommune und ihrer Bürgerschaft.

Lassen Sie mich deshalb hier in Lübeck, der Stadt von Willy Brandt, zum Abschluss dieses Nachdenkens über hundert Jahre Volkshochschule im Dienst für die Demokratie gerne auf Willy Brandt zurückkommen. Dieser erste sozialdemokratische Kanzler unserer Bundesrepublik hat uns am 28.10.1969 in seiner Regierungserklärung drei Worte als Versprechen und Auftrag gegeben, die eine ganze Generation mit geprägt und bis in die Gegenwart getragen haben. Mehr Demokratie wagen! Lassen sie mich in Respekt und Demut und auch mit Stolz hinzusetzen: Und ja, deshalb auch mehr Volkshochschule wagen.

Bildrechte: DVV e.V. / Thomas Tratnik

Veröffentlicht in Rossmann überregional