100 Jahre Volkshochschulen in Deutschland

Rede von Ernst Dieter Rossmann auf dem Festakt am 13. Februar 2019 in der Frankfurter Paulskirche zum Jubiläum 100 Jahre Volkshochschulen in Deutschland

Liebe Gäste,

wie schön ist es doch, wenn junge Menschen so beschwingt und glanzvoll zuerst den 1. Satz des sogenannten Geister Trios von Ludwig von Beethoven spielen können, und uns dann mit einem ja eher stürmischen Molto agitato von Felix Mendelssohn-Bartholdy erfreuen. Ein ganz großes Dankeschön an das Bellevue Trio mit Sonja Kowollik am Klavier, Leon Stüssel, Violine, und John Mackenroth, Violincello. Vielen Dank!

Herr Mathias Pannes vom Verband Deutscher Musikschulen, der hier auch unter uns ist – da haben sie uns wirklich großartige Künstler vermittelt. Vielen Dank für diesen Freundschaftsdienst
auch an Sie.

Ja, die richtigen Freunde muss man haben. Die Volkshochschulen haben sie.

Geschätzter, lieber Herr Präsident Voßkuhle – nun darf ich in Erinnerung an den „Benimmkurs“ aus dem Jahr 1952 dann sagen: Lieber Freund! Sie haben uns in ihrer profunden und ganz „dünkelfreien“ Rede hingeführt zu einem Gesellschaftsbild, das von unten nach oben aufgebaut ist, einem gesellschaftlichen Ideal, in dem die Gesellschaft den Einzelnen und seine Einbettung in soziale Strukturen ernst nimmt, unabhängig von Herkunft, Alter und sozialem Status. Die Volkshochschulen stehen für dieses Menschenrecht auf Bildung. Wir stellen unser Jubiläumsjahr unter das Motto „Wissen teilen“. Und wir wollen unser Bestes geben für eine „Aufklärung ohne Phrasen“ – auf Adorno haben Sie hingewiesen, der das so schön in den drei Worten auf den Punkt gebracht hat. Vielen herzlichen Dank.

Ich darf Ihnen versichern, dass der letzte Satz Ihrer Rede – selbst wenn er eher leise gesprochen war – noch lange nachklingen wird, wenn Sie zum Bildungsauftrag in gemeinsamer Verantwortung erklärt haben: „Das Grundgesetz haben WIR dabei auf unserer Seite.“ Das beflügelt. Und es hat so gut getan, dass Sie vom WIR gesprochen haben. Wir haben alle gespürt: das ist kein „pluralis majestatis“, das ist kein Urteilsspruch des höchsten deutschen Richters, das WIR ist ein persönliches und politisches, ein Demokratie getragenes WIR der gemeinsamen Werte und Haltung, ja auch der kämpferischen Haltung, Herr Voßkuhle! Ich setze einen einfachen Satz dazu:

Wir Volkshochschulen sind Kinder der Demokratie! Und Kinder verteidigen ihre Eltern.

Wir haben heute hören dürfen, auf welchem Fundament von Humanität und Recht, von Geschichte, auch schmerzlich-schwieriger Geschichte, und mit welchen Bildungsauftrag und Bildungsverständnis wir dies tun. Die Wissenschaft, eine weitere beharrlich treue Freundin der Volkshochschulen, steht uns hier zur Seite. Ich möchte deshalb an dieser Stelle den Herausgeber
unserer Festschrift „100 Jahre Volkshochschulen“ Professor Schrader besonders ansprechen dürfen. Professor Schrader leitet das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung. Er ist Mitglied unseres wissenschaftlichen Beirates. Er lebt Erwachsenenbildung und er – lassen Sie es mich etwas despektierlich sagen – kann uns Volkshochschulen auch ordentlich „einschenken“, wenn es um notwendige Innovationen bei der Digitalisierung oder die Vorbereitung auf den demographischen Wandel geht. Zum heutigen Tag hat Professor Schrader und sein Team von über 100 Autoren – die Mitarbeiter des DVV und des Verlags und andere eingeschlossen – uns ein Werk geschenkt – nicht eingeschenkt –, das 100 Jahre Volkshochschulen in Deutschland in 100 Geschichten Jahr für Jahr seit 1919 entfaltet. Eine harte Arbeit, ein großes Werk, ein großes Dankeschön an alle, die hieran so engagiert und kreativ mitgewirkt haben: Herr Schrader und sein Team.

Erlauben Sie, dass ich drei Jahre aus diesen hundert Jahren und – damit ich Sie ein bisschen erschrecken kann – viele zusätzliche besonders herausgreife, die mir, so viel Emotion darf sein,
bei einer Durchsicht durchaus nahe gegangen sind.

1919: Konrad Beyerle, deutscher Rechtshistoriker, Politiker der bayerischen Volkspartei, Abgeordneter für das Zentrum in der Nationalversammlung, Hugo Sinzheimer, jüdischer Arbeitsrechtler und Sozialdemokrat, und Max Ernst Quarck, Protestant, Kaufmannsgehilfe SPD-Stadtverordneter in Frankfurt, schaffen es mit guten Argumenten und viel List, aber ohne Tücke, die Volkshochschulen auf verschlungenen Wege in die Weimarer Verfassung hinein zu bringen. Solche Allianzen mögen wir uns auch jetzt so manches Mal noch wünschen.

1944: Adolf Reichwein, Kulturhistoriker, Wirtschaftsexperte, Bildungspolitiker, Pädagoge steht vor dem „Volksgerichtshof“ von Roland Freisler in Berlin als „Widerständler des 20. Juli“. Reichwein war ein Mann der Volkshochschulen. Die Jenaer Volkshochschule, auch 1919 gegründet, hat er mit aufgebaut. Die Kraft aus Überzeugung und innerer Souveränität, mit der Adolf Reichwein, wie die anderen Widerständler auch, die Schmähungen ihres schändlichen Richters aushalten, sind uns ein großer Schatz und ein Vermächtnis für die Volkshochschulen.

1990/1991: Deutschland ist wiedervereinigt. Im Jahr 1990 gibt es die erste gemeinsame Arbeitstagung von ost- und westdeutschen vhs-Vertreterinnen und -Vertretern in Hannover. Neue Volkshochschul-Landesverbände werden im Osten Deutschlands gegründet und im April 1991 werden sie in den Deutschen Volkshochschul-Verband aufgenommen. Liebe Rita Süssmuth, Du warst damals schon unsere Präsidentin und hast das Zusammenwachsen vorangetrieben: Dank an Dich und welch’ großes Glück, jetzt Volkshochschulen als Orte der freien Erwachsenenbildung in ganz Deutschland zu haben.

Und was sind die vielen zusätzlichen Jahre?
Es sind die wichtigsten Jahre – die zukünftigen Jahre, von denen wir wünschen, dass sie für die Volkshochschulen dereinst als bunte, lebendige, zukunftsorientierte, erfolgreiche Jahre beschrieben werden. Wir starten in diese Jahre mit einer „Langen Nacht der Volkshochschulen“ in ganz Deutschland zum Beginn des Herbst-Semesters am 20. Semester 2019. „zusammenleben. zusammenhalten.“ steht als Motto bundesweit über diesem Semester. Es geht uns um ein sichtbares Zeichen für Respekt, Dialog, Partizipation und Vielfalt. Wer gerne wieder nach Frankfurt kommt: die Volkshochschulen in Frankfurt, Darmstadt, Offenbach und vielen anderen Orten versprechen eine lange, helle, fröhliche Nacht.

Einheit in der Vielfalt ist für uns Volkshochschulen nur möglich, weil dahinter ganz viele interessante, engagierte Menschen stehen.

Zu den 900 Volkshochschulen gehören Vorstände und Geschäftsführer in den Landesverbänden wie in den Kommunen, ehrenamtliche wie hauptamtliche Leitungen und Mitarbeiterteams, denen ich an diesem Jubiläumstag ausdrücklich zum Schluss dieser schönen Veranstaltung Dank für ihre Arbeit sagen möchte. Ein Dank geht auch, liebe Frau Kramp-Karrenbauer – ich darf es in ihrem Namen so sagen –, an unsere Vorstandskollegen und die Bundesgeschäftsstelle des Verbandes. Ich möchte es so sagen: Das Team um unseren Verbandsdirektor Ulli Aengenvoort leistet nicht nur zu Jubiläen Großartiges. Herr Professor und Freund Vosskuhle, Sie haben schon Pythagoras bemüht mit der wirklich bemerkenswerten Zahl von über 190.000 freien Mitarbeitern als Kursleiter und Dozenten in den Volkshochschulen. Wir haben diese Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als kleines Dankeschön ausdrücklich zu diesem Festakt eingeladen. Damit sie uns nun nicht für größenwahnsinnig halten: nicht alle, aber eine respektable Zahl sind gekommen. Umso mehr vom Riesen-Dankeschön entfällt damit auf diejenigen, die heute hier dabei sein können. Und nicht zuletzt geht ein besonderes Dankeschön an unsere 9 Millionen Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Das ist zugleich ein Dankeschön an Sie, unsere heutigen Gäste, wissen wir doch, dass die meisten von Ihnen in Ihrem Leben irgendwann einmal und hoffentlich dann immer wieder mit der Volkshochschule fürs Leben gelernt haben und lernen. Wie sagen wir so schön: Lernen kann Mensch immer und für Weiterbildung ist es nie zu spät.

Herr Vosskuhle und Herr Feldmann, Sie werden es nicht falsch verstehen, wenn – Lernen kann man immer und für Weiterbildung ist es nie zu spät – unsere Präsidentin Frau Kramp-Karrenbauer und ich Ihnen jetzt als Dank und Abschluss ganz in diesem Sinne die ersten Exemplare unseres lehrreichen Buches „100 Jahre Volkshochschule“ überreichen.

Und weil die Volkshochschulen ja bekanntlich seit 100 Jahren für ein Recht auf Weiterbildung für alle Menschen eintreten, darf ich allen anderen versprechen: Wenn Sie dann nach einem kleinen Getränk und einer kleinen Wegzehrung und vielen guten Gesprächen die Paulskirche verlassen, wird auch für Sie dieses Buch, das große Blaue Buch, als Geschenk zur Erinnerung bereitliegen. Genießen wir jetzt zusammen diesen herrlichen Tag, es ist unser Tag. Es ist der Tag der Volkshochschulen.

Danke schön!

Quelle: “100 Jahre Volkshochschule Festakt am 13. Februar 2019 in der Frankfurter Paulskirche”, Bonn 2019.

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