Das Studierendenprogramm muss gestärkt werden – es gibt Europa eine Identität

Ein Gastbeitrag von Özcan Mutlu und Ernst Dieter Rossmann, Der Tagesspiegel, 5.5.2020

Zugegeben: Wer denkt jetzt schon an Mobilität und Austausch in Europa. Und trotzdem: Positive Perspektiven muss es geben können – gerade jetzt und gerade für Europa. Erasmus und eine Zukunft in und mit Europa – das ist für Generationen von jungen Menschen fast zum Synonym geworden. Das Erasmus-Programm hat viele Wandlungen erlebt. Es ist finanziell gewachsen und genießt höchste politische Sympathie und Unterstützung, mehr als viele andere europäische Initiativen und Programme. Auch deshalb ist es gut, wenn das Nachdenken über das Erasmus der Zukunft parteiübergreifend stattfindet.


„Niemand verliebt sich in einen Binnenmarkt”, so der legendäre französische EU-Präsident Jacques Delors im Jahr 1992. Dennoch haben über 27 Prozent aller Teilnehmenden am Erasmus-Programm der Europäischen Union bei ihrem Auslandsaufenthalt die Partnerschaft fürs Leben gefunden. Auf dieser Grundlage schätzt die Kommission sogar, dass seit 1987 über eine Million Kinder aus Erasmus-Partnerschaften hervorgegangen sind. Mehr als zehn Millionen Teilnehmende kann dieses Programm seit seinem Entstehen vor 33 Jahren verzeichnen. Mit 28 Mitgliedsländern und sechs Partnern außerhalb der EU, vom kleinen Liechtenstein über Island, Norwegen, die Schweiz bis zur Türkei.

Gerade jetzt, wo die neue Förderperiode von 2021 bis 2027 zur Beschlussfassung ansteht. Und gerade jetzt, wo im zweiten Halbjahr 2020 hoffentlich nicht nur die Coronakrise in Europa konstruktiv aufzuarbeiten sein wird, sondern unter der Ratspräsidentschaft von Deutschland zuversichtlich in die Zukunft zu schauen ist, also auch die Verhandlungen über das künftige Erasmus+ materiell wie konzeptionell zu einem erfolgreichen Abschluss zu führen sind.

„Ich bin fest entschlossen, den europäischen Bildungsraum bis 2025 zu verwirklichen”, so Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in ihren politischen Leitlinien für ihre Amtsperiode bis 2024. Daher muss das neue Erasmus-Programm erst recht deutlich -gestärkt werden und mit neuen Ideen für die ganze Bildungsbiografie an den Start gehen. Comenius für die Schulen, da Vinci für die berufliche Bildung, Erasmus für die Hochschulen und Grundtvig für die Weiterbildung – diese europäischen Geistesgrößen standen lange Zeit für die vier zentralen Teilprogramme im Ursprungsakronym ERASMUS, dem European Community Action Scheme for the Mobility of University Students von 1987. Diese großen
Europäer in der Tradition von Aufklärung und Internationalität stehen immer noch für Humanismus, Weltoffenheit und pädagogische Zuversicht. Hieran muss das Erasmus der nächsten Generation anknüpfen.

Qualifikationen, Kompetenzen, Credits und Zertifikate sind ohne Zweifel wichtig. Aber sie werden genauso wenig geliebt wie ein Binnenmarkt. „Liebenswert” und zumindest prägend sind die Begegnungen mit Menschen, Sprachen und Geschichte genauso wie die Entwicklung von Kultur und Bildung.

Damit Erasmus sich nicht in Technokratie erschöpft, muss diese identitätsbildende Dimension von Europa selbstverständlicher Bestandteil zukünftiger Erasmus-Programme werden. Die inhaltliche Dimension von Erasmus muss einhergehen mit strukturellen Neuerungen in der
sozialen Dimension, damit niemand von der Teilhabe am Europa ohne Grenzen ausgeschlossen wird. Bis zu einem gesamteuropäischen Sozialgesetz der Bildung, wie dem Bafög, ist es angesichts der sehr disparaten Förderlogiken zwischen Nord- und Südeuropa ein weiter Weg. Aber eine sozial angemessene Erhöhung der Erasmus-Stipendien muss bei einer Steigerung des Gesamtbudgets machbar sein.

Das neue Erasmus+ muss organisatorische Impulse und Schwerpunkte setzen, um den europäischen Bildungsraum 2025 zu befördern. So können Europa-Schulen und Europa-Lehrkräfte zu Kristallisationspunkten für eine Verbreitung der europäisch ausgerichteten Mehrsprachigkeit und curricularen Grundbildung sein. Auch die Idee von einem DAAD für die berufliche Bildung sollte mitgedacht werden.

Macrons Aufruf zur Gründung von Europa-Universitäten im Jahr 2017 hat schon jetzt zu einem grenzüberschreitenden Netzwerk von bald über 100 Universitäten geführt. Deshalb sollte die regelmäßige Bologna-Konferenz zu einer Europäischen Hochschulkonferenz weiterentwickelt werden. Anderseits sind bei einem Anteil von 85 Prozent der europäischen Bevölkerung, die älter als 15 Jahre sind, und bald einem Drittel, das älter als 65 Jahre ist, europäische Allianzen im Rahmen der Agenda für Erwachsenenbildung für die allgemeine und berufliche Weiterbildung sinnvoll und notwendig. Für die deutsche Kommissionspräsidentin von der Leyen und die deutsche Bundeskanzlerin Merkel liegt im neuen Erasmus+ für das neue Jahrzehnt eine große Herausforderung und die Chance, dem Europa der Zukunft bei allen Aufgaben in den klassischen Feldern von Währung, Wirtschaft, Sicherheit, Recht und Umwelt und jetzt eben den Notwendigkeiten Gesundheitsvorsorge und Katastrophenschutz gleichzeitig ein buntes, lebendiges zuversichtliches Gesicht zu geben!

Ernst Dieter Rossmann (SPD) ist im Bundestag Vorsitzender des Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung. Özcan Mutlu (Grüne) war von 2013 bis 2017 bildungspolitischer Sprecher der grünen Fraktion.

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