Wir brauchen den Europa-Lehrer

Lehrkräfte sollen Vorbilder sein für den Blick über die Grenzen. Jetzt bietet sich die Gelegenheit, das zu fördern.

Ein Gastbeitrag von Ernst Dieter Rossmann (SPD), Bundestagsabgeordneter und Vorsitzender des Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung. Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 09/2020 und ist auch unter zeit.de zu finden.

Das ist mal eine Ansage: Europas neue Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen will das Budget des großen europäischen Austauschprogramms Erasmus mindestens verdoppeln. Damit sollen mehr Menschen aus allen Altersgruppen in ihrer Bildungsbiografie der europäischen Idee konkret begegnen. Seit dem Start des Erasmus-Programms vor 33 Jahren haben bereits zehn Millionen junge Europäer daran teilgenommen. Indem sie in einem anderen Land eine Zeit lang lernen, arbeiten und leben konnten, haben diese jungen Menschen in Schule, Berufsausbildung und Studium Europa erfahren.

Trotzdem gilt: Die Identifikation mit dem Europäer-Sein ist auch nach 70 Jahren Aufbau der Europäischen Gemeinschaft keine Selbstverständlichkeit. Um noch mehr junge Bürger zu erreichen, müssen wir neue Wege suchen. Für die Zukunft brauchen wir in allen Schulen und Bildungseinrichtungen Menschen, die sich mit der Idee Europas identifizieren und zu Vorbildern werden für ein europäisches Lehren, Lernen und Leben.

Wir brauchen Europa-Lehrer! – Damit sind Lehrkräfte gemeint, die in einem anderen europäischen Land studiert und gearbeitet haben, die für mehrere Jahre in ein anderes Land wechseln und die Fachpädagogik, Mehrsprachigkeit und europäische Grundbildung als Bildungsbotschafter in die Schulen einbringen. Das kann die polnische Geschichtslehrerin sein, die in einem deutschen Leistungskurs die gemeinsame leidvolle Geschichte beider Nationen vermittelt. Oder der spanische Lehrer, der an einer Gymnasialschule in Stockholm Naturwissenschaften unterrichtet und den Schülern aus erster Hand Klimafragen und südeuropäisches Alltagsleben nahebringt. Oder die österreichische Lehrerin aus einer Volksschule in Linz, die an einer französischen École élémentaire schon ab der ersten Klasse Deutsch unterrichtet – und dabei gleichzeitig ein verbindliches Ganztagsschulsystem kennenlernt.

Immerhin, bereits über 650 Schulen in Deutschland haben sich ein besonderes europäisches Profil gegeben und sind als Europa-Schulen anerkannt. Das aktuelle Programm Erasmus+ fördert Netzwerke von Schulpartnerschaften, die vom Schüleraustausch, digitalen Partnerschaften (“eTwinning”-Projekten) bis hin zu Begegnungen von Lehrkräften leben. Historische Kommissionen haben ein europäisches Geschichtsbuch entwickelt.

Doch nach wie vor stocken die Ausbildung und der Austausch. Noch immer wechseln angehende Lehrkräfte deutlich seltener für ein Semester ins Ausland als andere Studierende. Es fehlt ein europäisches Kerncurriculum für Fächer wie Geschichte oder Politik. Und in wie vielen Schulen wird Fachunterricht mehrsprachig unterrichtet: Biologie in Deutschland auf Englisch, Geschichte in Spanien auf Französisch?

Auch Deutschland tritt hier leider nicht positiv hervor. Die Anzahl der deutschen Lehrkräfte, die an Fortbildungen und Hospitationen in anderen Ländern teilnehmen, liegt bei rund einem Prozent. Die Zahl der Austauschlehrer ist entsprechend niedrig. Aus dem europäischen Ausland waren in Deutschland im Schuljahr 2018/19 nur 7800 Lehrkräfte beschäftigt – von rund 700.000 Lehrern. Wo für die meisten Arbeitnehmer Freizügigkeit herrscht, hindern die Lehrkräfte vielfältige Barrieren: von der Anerkennung ihrer Abschlüsse bis zu beamtenrechtlichen Fragen. So bleiben unsere Schulen provinziell.

Darum ist das Motto gut, das die neue Präsidentin der Kultusministerkonferenz Stefanie Hubig gewählt hat: “Europa (er)leben und gestalten”. Zusätzlich könnte in der zweiten Jahreshälfte 2020 die deutsche EU-Ratspräsidentschaft mit der Vision des Europa-Lehrers den viel beschworenen europäischen Bildungsraum mit Leben füllen.

Ich selbst hatte Glück: In meiner Schulzeit an einem ganz normalen Gymnasium vermittelte uns ein Franzose en passant das Savoir-vivre und ein Engländer den britischen Humor. Ich kann mich noch bestens daran erinnern. Auch deshalb plädiere ich dafür, dass der Europa-Lehrer keine schöne Vision bleibt.

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